Die Legende vom beruhigenden schwarzen Tee


Folgenden Tipp oder Ratschlag hat sicher jeder schon einmal gehört: Lässt man schwarzen Tee für maximal 5 Minuten ziehen, hat er eine anregende Wirkung. Doch je länger er zieht, desto beruhigender wirkt er. Einen Schwarztee kann man also scheinbar ohne Bedenken auch spät abends noch trinken, so lange er nur 10 Minuten gezogen ist. Diese These hört man immer wieder, sie taucht sogar regelmäßig in einigen Zeitschriften oder Ratgebern auf. Medien also, von denen man ausgeht, dass der Inhalt nachhaltig recherchiert wurde und somit auch richtig ist.

Die Legende vom beruhigenden schwarzen Tee

Legende oder Wahrheit

Um diesen Mythos über den schwarzen Tee richtig beurteilen zu können, ist es notwendig, sich zunächst einmal näher anzusehen, was bei der Herstellung von Tee überhaupt passiert. Es werden getrocknete Pflanzenteile, in diesem Fall die Blätter für eine gewisse Zeit in heißes Wasser gelegt. Das Wasser alleine würde dabei kaum ausreichen, aber in Kombination mit den hohen Temperaturen, werden aus den Blättern Inhaltsstoffe gelöst und ans Wasser abgegeben. Allein die Farbveränderung machst dies schon deutlich. Bereits beim ersten Kontakt mit den Teeblättern verliert das Wasser sofort seine Klarheit und beginnt einen charakteristischen Farbton anzunehmen. Mit längerer Ziehdauer fällt auf, dass sich der Farbton des Wassers weiter verändert. er wird intensiver, häufig auch dunkler. Dies beweist sehr anschaulich, dass es zum Lösen der Inhaltsstoffe aus den Teeblättern nicht nur Wasser und Temperatur, sondern auch Zeit braucht.

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Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass je heißer das Wasser ist und je länger Ziehdauer, desto mehr Inhaltsstoffe werden gelöst und befinden sich letzten Endes im Tee. Doch dies ist noch nicht die ganze Wahrheit. Chemische Verbindungen, und nichts anderes sind pflanzliche Inhaltsstoffe, wie Vitamine, Spurenelemente, Aroma- und Gerbstoffe, haben immer auch eine unterschiedliche Löslichkeit im Wasser. Dies bedeutet, dass sich manche von ihnen einfacher und damit schneller in Wasser lösen, als andere. Koffein beispielsweise ist sehr gut wasserlöslich, Gerbstoffe, wie die Tannine lösen sich etwas schlechter im Wasser, brauchen dafür aber schon etwas länger.

Und genau da liegt der Grund, warum es sich bei der Aussage, Schwarztee wirkt anregend, wenn er weniger als fünf Minuten und beruhigend, wenn er länger als fünf Minuten zieht, um einen definitiv falschen Mythos handelt. Schwarzer Tee enthält etwa 3 bis 3,5 Prozent Koffein. Diese Menge ist von Natur aus vorgegeben und baut sich durch längere Ziehzeiten nicht plötzlich ab. Da das Koffein außerdem so schnell und leicht in Wasser löslich ist, gehört es mit zu den ersten Substanzen, die von den Blättern in den Tee übergehen. Dagegen benötigt es etwa 2 bis 4 Minuten Ziehzeit, bis die Tannine und andere Gerbstoffe sich lösen.

Dies bedeutet in der Konsequenz, dass das Koffein mit längerer Ziehdauer weder weniger oder unwirksam wird. Die Gerbstoffe allerdings nehmen stark zu. Ein schwarzer Tee wirkt also niemals beruhigend, er schmeckt höchstens unangenehm bitter.

Fazit

Aber warum taucht dieser Mythos immer wieder auf? Es ist längst bewiesen, dass dieser Aussage keinesfalls zutreffend ist. Wie hoch die Koffeinkonzentration eines schwarzen Tees ist und damit auch wie stark er anregend wirkt, hängt einzige und allein von der jeweiligen Sorte ab und keinesfalls von der Ziehdauer. Weshalb gibt es diese Meinung aber immer noch?

Dies ist ein Phänomen, das es auch bei zahlreichen anderen Themen immer wieder gibt. Eine Tatsache ist wissenschaftlich bewiesen oder ein Mythos ist längst widerlegt worden, aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon so weit verbreitet und in den Köpfen verankert, dass es schwer ist, ihn völlig auszurotten. Einiges wird oft auch ohne sich groß Gedanken zu machen von einer Generation an die nächste weitergegeben. einfach, weil es „schon immer so war“. Neue Erkenntnisse haben es da oft schwer sich durchzusetzten. Aber warum nicht hier einen Anfang machen? Also: eine Tasse Schwarzer Tee wirkt keinesfalls beruhigend, nur weil er länger als 5 Minuten gezogen hat, wie auch beim Kaffee. Die Menge des Koffeins bleibt gleich, nur die Gerbstoffe nehmen zu.

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Bildnachweis: Die Legende vom beruhigenden schwarzen Tee – © LE image – Fotolia.com

2 thoughts on “Die Legende vom beruhigenden schwarzen Tee

  1. Hallo, ich habe grade den Artikel gelesen, weil ich mich ein wenig über Schwarzen Tee informieren wollte. Grund dafür war, dass ich bei langgezogenem Tee oft Verstopfung kriege.

    Nun habe ich im Internet aber immer wieder eine Behauptung gelesen, die sie nicht erwähnen: Gerbstoffe würden das Koffein binden und so langsam abgeben bzw. bei hoher Ziehdauer gar nicht abgeben.

    Was ist an dieser Aussage dran? Gibt es dazu irgendwelche wissenschaftlichen Untersuchungen?

    Ich habe nämlich subjektiv das Gefühl, dass mich mein Tee deutlich wacher macht, wenn ich ihn nur zwei Minuten ziehen lasse. In meinem Fall aber könnte es natürlich daran liegen, dass ich keine Nebenwirkungen kriege wie bei länger gezogenem Tee.

    Viele Grüße
    Niklas

    • Hallo Niklas,

      vielen Dank für deine Anmerkungen zu dem Artikel und deine interessante Frage dazu.

      Die Teezubereitung muss man im Prinzip genauso sehen, wie einen chemischen Lösungsvorgang. Es geht nämlich im Prinzip um nichts anderes, als um die unterschiedliche Löslichkeit der einzelnen Moleküle im heißen Wasser bzw. im Teeblatt. Kleinere und somit auch „wendigere“ Substanzen haben im Blatt keinen ganz so guten Halt und lösen sich deshalb besonders schnell. Es ist ja z. B. auch bekannt, dass etwa ein Teil der Vitamine schon beim bloßen Waschen von Obst und Gemüse über das Waschwasser verloren geht.

      So löst sich beim Überbrühen der Teeblätter in den ersten zwei bis drei Minuten ungefähr in erster Linie das Koffein. Geschmack- und Farbstoffe sind ebenso dabei, die Gerbstoffe allerdings folgen erst danach. Der Fachbegriff für diese Gruppe, „Polyphenole“ lässt schon erahnen, dass es sich dabei um etwas größere Moleküle handelt. Und tatsächlich sind bei den Gerbstoffen mindestens zwei, oft sogar mehr, Ringe zusammengeschlossen und zusätzlich mit Wasserstoffgruppen verzweigt.

      Wem das zu chemisch ist, dem hilft vielleicht diese Vereinfachung: Sowohl Koffein, als auch Gerbstoffe lösen sich leicht und gut in Wasser. Koffein ist allerdings kleiner und kann deshalb leichter vom Blatt in den Tee „wandern“. Gerbstoffe sind dagegen oft verzweigt und haben deshalb „Knicke“ und „Ecken“. Dadurch brauchen sie etwas länger, bis sie sich aus dem Teeblatt herauslösen und ebenfalls in das Wasser übergehen.

      Koffein und Gerbstoffe gehen aber auch gerne miteinander Verbindungen ein, was tatsächlich zur Folge hat, dass das Koffein in diesem Fall nur langsam an das Blut abgegeben wird. Bei einem Tee, der nur kurze Zeit gezogen hat, also keine oder kaum Gerbstoffe enthält, spüren wir den Effekt des Koffeins viel schneller und nehmen ihn häufig als einen regelrechten „Kick“ war.

      Tee mit vielen Gerbstoffen gibt das Koffein zwar auch ab, aber sehr zeitverzögert und nach und nach. Durch den nur langsam steigenden Koffeinpegel in unserem Körper wird die Wirkung des Wachmachers häufig gar nicht richtig wahr genommen und oft hat man selbst den Eindruck, dass das Koffein bei Tees die lange gezogen haben, gar nicht wirkt und eben vielleicht gar nicht in unseren Körper gelangt.

      Die Wirkung des Koffeins auf unseren Körper muss man sich ein bisschen, wie eine Achterbahn oder eine Bergfahrt vorstellen. Im ersten Fall, ohne Gerbstoffe oder mit niedriger Gerbstoffkonzentration im Tee, schießt der Koffeinpegel regelrecht nach Oben. Wir fühlen uns sofort viel wacher und aufmerksamer, können uns wieder besser konzentrieren. Der Nachteil daran, wenn man so will, ist allerdings, dass es nach diesem Hoch in der Regel auch wieder ebenso schnell nach unten geht. Einige fühlen sich, nachdem die Wirkung des Koffeins nachgelassen hat, sogar noch viel müder und erschöpfter, als vorher.

      Im zweiten Fall dagegen, wenn das Koffein zunächst noch an Gerbstoffe gebunden ist, steigt die Konzentration nur langsam an. Ähnlich, wie bei einem Berg mit nur leichter Steigung. Rein optisch kaum wahrnehmbar, merkt man erst, dass es doch etwas bergauf geht, wenn man die Strecke geht, läuft oder mit dem Fahrrad fährt.

      Hier spürt man den Effekt des Koffeins zwar bei Weitem nicht so geballt, dafür hält er aber länger an und fällt auch nicht so rasant wieder ab. Der Koffeinpegel wird über einen möglichst langen Zeitraum nahezu konstant gehalten.

      Im Grunde genommen, haben beide Versionen des Tees, egal ob mit schneller oder langsamer Wirkung des Koffeins, ihre Vorteile. Es gibt Situationen im Alltag, bei denen es sinnvoll oder sogar wichtig ist, möglichst schnell wieder möglichst wach zu sein. In anderen Momenten allerdings kann es von Bedeutung sein, über einen längeren Zeitraum eine große Aufmerksamkeitsspanne zu halten.

      Zudem hängt natürlich die Wahl zwischen „schnellem Kick“ und „Langzeiteffekt“ auch immer davon ab, wie ermüdet man bereits ist, wie lange die Situation anhält, was man danach zu tun hat und nicht zu Letzt auch vom individuellen Geschmack und der Verträglichkeit. Davon abgesehen sollte man nach Möglichkeit ohnehin vermeiden, dass man sich absolut erschöpft fühlt und die Augen kaum noch offen halten kann.
      Frische Luft zwischendurch, sei es bei einem kleinen Spaziergang in der Pause oder wenigstens durch ein Fenster, das aufgemacht werden kann, ein bisschen Bewegung als Abwechslung zum langen Sitzen, all das kann helfen, insgesamt wacher zu bleiben. So kann man z.B. statt seinen Kollegen anzurufen oder ihm eine Mail zu schicken, einfach mal persönlich vorbei laufen.

      Wer bei langgezogenem Tee zu Verstopfung neigt, kann auch mal etwas darauf achten, wie viel er sonst regelmäßig trinkt und was er isst. Häufige Ursachen für Verstopfung sind zu wenig Flüssigkeitsverlust, zu wenige Ballaststoffe in der Ernährung und etwa Bewegungsmangel. An solchen Tagen kann ein Tee mit hoher Gerbstoffkonzentration quasi das letzte Segment sein, dass letzten Endes die Verstopfung verursacht.

      Diese Wechselwirkungen zwischen Koffein und Gerbstoffen sind schon länger bekannt und auch untersucht. Allerdings gibt es zu diesem Thema keine aktuellen wissenschaftlichen Studien, die beispielsweise neue Aspekte aufgreifen oder neue Erkenntnisse liefern würden.

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