Es hat tatsächlich einmal eine Zeit gegeben, als Japan und China nicht nur ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zueinander pflegten, man konnte diese beiden Völker sogar als Freund bezeichnen. Im Vergleich zu China war Japan damals aber fast schon „unterentwickelt“ und auch den Tee hatten die Chinesen lange vor den Japanern entdeckt. Heute kann man sich das in Anbetracht der immer noch bestehenden und vor allem auch sehr traditionsbewussten Teezeremonien und –rituale in Japan kaum vorstellen. Dennoch musste der Tee tatsächlich seinen Weg nach Japan erst finden. In jener Zeit der Freundschaft und Verbundenheit zwischen Japan und China wurde im Jahre 804 der Geistliche und Gelehrte Kukai von seiner japanischen Heimat nach Chang’an geschickt. Diese Stadt war damals die Hauptstadt und Regierungssitz Chinas und Kukai sollte in diplomatischer Mission die Beziehungen zwischen beiden Staaten stabilisieren. So machte sich Kukai mit seinem Gefolge und insgesamt vier Schiffen auf den Weg. Doch bei dieser Reise machte sich schnell das damalige Defizit Japans in der technologischen Entwicklung bemerkbar. Ein Seesturm zog auf. Er war zwar nicht besonders stark oder heftig, dennoch kenterten zwei der Schiffe. Die beiden anderen, eines davon mit Kukai an Bord, strandeten zwar auf dem rettenden Festland, allerdings hunderte von Kilometern weit vom Zielort entfernt. 1.500 km, um genau zu sein. Kukai wollte dennoch nichts unversucht lassen und machte sich mit dem Rest seiner Reisebegleiter auf den Weg und versuchte, Chang’an zu Fuß zu erreichen. Die japanischen Diplomaten hatten samt ihrem Anführer Kukai gerade erst einmal ein winzig kleines Stück des gesamten Weges zurückgelegt, als sie in der chinesischen Provinz Zhejiang ankamen. Die unfreiwilligen Wanderer waren bereits zu diesem Zeitpunkt schon so erschöpft, dass sie es wohl nicht für tatsächlich möglich hielten, ihr Ziel, die immer noch weit entfernte Hauptstadt zu erreichen. Die gastfreundlichen Chinesen allerdings reichten den Durchreisenden selbstverständlich auch Tee. Dabei wählten sie, vielleicht sogar ganz bewusst, einen Tee aus, der die erschöpften Japaner besonders stärken und wecken sollte. Einige Teefans tippen sicher an dieser Stelle bereits ganz richtig auf den grünen Tee. Später, zurück in der Heimat, berichtete Kukai immer noch ganz begeistert, dass durch den grünen Tee nicht nur seine Müdigkeit wie weggeblasen schien. Er hatte das Gefühl, seine Seele hätte regelrecht Flügel bekommen und er fühlte sich von Innen gereinigt. Kukai und sein Gefolge schafften es die scheinbar unmögliche Strecke von 1.500km zurückzulegen. Wie lange sie dafür brauchten, ist leider nicht überliefert. Aber auch auf dem Rückweg waren die Japaner noch so begeistert von ihren eigenen Erfahrungen mit dem grünen Tee, dass sie nochmals in Zhejiang Station machten. Sie nahmen einige der Teepflanzen mit nach Hause und legten damit den Siegeszug des grünen Tees in Japan.

Legende oder Wahrheit?

Den Gelehrten Kukai gab es tatsächlich. Er lebte von 774 bis 835 und gilt als Begründer des japanischen Shingon-Buddhismus. Das Leben einer so bedeutenden Persönlichkeit eines Landes ist in der Regel so gut dokumentiert, verfolgt und festgehalten worden, dass man zumindest bei den „Eckpfeilern“ davon ausgehen, dass sie den Tatsachen entsprechen. Meist jedoch wird aber eben genau bei solchen „Berühmtheiten“ gerne einmal etwas dazu gedichtet oder die Wahrheit etwas „ausgeschmückt“. Selbst wenn es jedoch nicht exakt 1.500 km waren, die Kukai und seine Begleiter zurückgelegt haben, eine extrem weite Strecke war es auf jeden Fall. Außerdem dürfte wohl als sicher gelten, dass diese Reise des Diplomaten das erste Mal war, das Japaner mit grünem Tee in Berührung kamen.

Fazit

Egal, ob wirklich jedes einzelne Detail an dieser Legende der Realität entspricht, oder ob sich vielleicht doch das ein oder andere nicht ganz genau so zugetragen hat, man kann wohl trotzdem sicher sein, dass auf diesem Weg der grüne Tee nach Japan kam. So gesehen ist es also einem Seesturm und der damaligen schlechten Qualität japanischer Schiffe zu verdanken, dass Japan heute die Grüntee-Nation schlechthin ist. Längst ist der grüne Tee nicht mehr aus Japan wegzudenken und man kann und mag sich gar nicht vorstellen, wie Japan ohne ihn wäre. So ist dieser Mythos von Kukais Reise nach Chang’an ein schönes Beispiel dafür, wie ein scheinbar kleiner Zufall ganze Nationen und nicht zuletzt die ganze Welt beeinflussen und verändern kann. Wer weiß, ob und wann der grüne Tee ohne Seesturm, gesunkene und gestrandete Schiffe und einen schier ewig langen Fußmarsch, nach Japan gefunden hätte. Bildquelle: Mt. Fuji and Japanese green tea field/tororo reaction/fotolia.com

Die Einführung des Tees nach Japan: Historischer Kontext

Die Geschichte des Tees in Japan ist untrennbar mit dem Buddhismus und den kulturellen Austauschen zwischen Japan und China verbunden. Die Überlieferung besagt, dass der buddhistische Mönch Saicho (767–822), auch bekannt als Dengyo Daishi, Teesamen aus China mitbrachte und auf dem Berg Hiei (nahe Kyoto) anpflanzte. Doch die wirkliche Teekultur in Japan begann mit Eisai (1141–1215), dem Begründer der Rinzai-Zen-Schule. Eisai verbrachte mehrere Jahre in China, wo er die Chan-Buddhismus-Praxis studierte und den Grüntee als Meditationshilfe kennenlernte. Er schrieb 1211 das älteste japanische Tee-Buch, „Kissa Yojoki" (喫茶養生記, „Buch der Gesundheitspflege durch Teetrinken"), in dem er die gesundheitlichen Vorteile von Tee ausführlich beschrieb.

Eisais Werk war strategisch klug: Er widmete das Buch dem Shogun Sanetomo und empfahl Tee als Heilmittel gegen die „Five Ailments" (fünf Krankheiten). Diese Empfehlung und die Verbreitung durch Zen-Klöster legten den Grundstein für die japanische Teekultur. Tee wurde zunächst in Klöstern getrunken, wo er die Mönche bei langen Meditationssitzungen wachhielt. Von den Klöstern verbreitete sich die Kultur zum Adel (Samurai-Klasse) und schließlich zu breiteren Bevölkerungsschichten.

Von China nach Japan: Die Transformation der Teekultur

Was Japan aus China übernahm, war nicht einfach ein Getränk, sondern eine philosophische Praxis. Im Song-dynastischen China (960–1279) war gemahlener Matcha (Pulvertee) die dominante Form; nach Japan übertragen, wurde diese Praxis zur Grundlage der Teezeremonie (Chado). Interessanterweise gab China selbst den Matcha-Stil auf – heute ist er in China kaum verbreitet – während Japan ihn zur höchsten Kunstform entwickelte. Die japanische Kreativität transformierte die chinesische Teepraxis in etwas genuin Japanisches: das Wabi-Cha Sen no Rikyus, das Gartenteehaus, die Keramikkunst (Raku-Ware), das gesamte ästhetische System, das aus dem Tee entstand. Aus einem chinesischen Getränk wurde japanische Hochkultur.

FAQ: Wie der grüne Tee nach Japan kam

Wer hat Tee wirklich nach Japan gebracht? Historisch werden Saicho und Kukai (beide frühe 9. Jahrhundert) als erste genannt, die Teesamen mitbrachten. Aber die kulturell bedeutsame Einführung erfolgte durch Eisai im 12./13. Jahrhundert. Eisai ist der Mann, dem die japanische Teekultur am meisten verdankt – durch sein Buch, durch seine Teeknollen-Schenkung an Myoe Shonin (der in Uji anpflanzte, das noch heute Japans Tee-Hauptregion ist) und durch die Verbreitung über Zen-Klöster.

Was unterscheidet japanischen Grüntee von chinesischem? Der wichtigste Unterschied ist die Fixierungsmethode: Japanischer Grüntee wird gedämpft (Mushi-sei); chinesischer Grüntee wird meist geröstet (Pan-firing). Gedämpfter Tee hat ein frischeres, grüneres, leicht seegrasartiges Profil; gerösteter Tee hat wärmere, nussige, süßlichere Noten. Außerdem werden in Japan viele Tees in beschattetem Anbau produziert (Gyokuro, Matcha, Tencha) – eine Methode, die in China seltener ist.

Wann begann die japanische Teezeremonie? Die frühen Vorläufer entstanden im 12.–13. Jahrhundert in Zen-Klöstern. Die formale Entwicklung zum Chado (Weg des Tees) erfolgte im 15.–16. Jahrhundert, culminierend in Sen no Rikyus Wabi-Cha-Philosophie. Die drei Rikyu-Schulen (Omotesenke, Urasenke, Mushanokōjisenke) setzen diese Tradition bis heute fort.

Wie wichtig ist Uji für den japanischen Tee? Uji, eine kleine Stadt südlich von Kyoto, ist das Herz der japanischen Teekultur. Hier pflanzte Myoe Shonin auf Empfehlung Eisais im 13. Jahrhundert Tee an; heute ist Uji die bekannteste Teeregion Japans. Uji Matcha und Uji Gyokuro genießen Weltruhm; die Region hat einen ähnlichen Status für Teekenner wie Bordeaux für Weinkenner.

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