Liu Xian Yan und der weiße Drache


Auch um den Liu Xian Yan ranken sich Mythen und Legenden. Der Name dieses Tees bedeutet übersetzt so viel, wie „Gestein des Unsterblichen Liu“. Er stammt ursprünglich aus Guilin, einer bezirksfreien Stadt im Nordosten der Region Guangxi, die wiederum im Süden Chinas liegt. Guilin selbst hat ebenfalls einen sehr klangvollen und märchenhaften Namen, bedeutet es doch nichts anderes, als „Stadt des Duftblütenwaldes“. In dieser Stadt lebt wohl niemand, dem nicht auch die „Quelle des weißen Drachen“ bekannt ist.

Liu Xian Yan und der weiße Drache

Der Legende nach lebte in dieser Region ein Unsterblicher namens Liu. Er konnte mit dem Wasser dieser Quelle einen unbeschreiblich aromatischen Tee zubereiten. Nur, wenn der Tee tatsächlich von Liu zubereitet worden war und wenn ausschließlich das Wasser der besagten Quelle dafür benutzt wurde, konnte der Tee seine gesamte Bandbreite an Geschmacks- und Aromastoffen entfalten. Außerdem zeigte sich in seinem Dampf ein weißer Drache. Dieses Original des Liu Xian Yan genoss einen solch ausgezeichneten Ruf und schmeckte so hervorragend, dass Liu damit sogar den kaiserlichen Hof beliefern durfte. Unbestritten die größtmögliche Ehre.

Legende oder Wahrheit?

Sowohl die Stadt Guilin, als auch die Quelle des weißen Drachen gibt es bis heute, den Tee sowieso. Nun wird sich jeder allerdings sicher sein, dass es keine Unsterblichen gibt oder je gegeben hat. Dazu muss man allerdings wissen, dass zur Zeit, als dieser Mythos entstand, jene Menschen als „Unsterbliche“ bezeichnet wurden, die „die Erleuchtung erlangt“ hatten.

Damit war gemeint, dass diese Menschen, häufig buddhistische Mönche, durch ein asketisches Leben mit einem größtmöglichen Anteil an Meditation, eine andere Bewusstseinseben erlangten. Sie waren sehr spirituell, in sich gekehrt und waren deshalb zum Beispiel bei Ratsuchenden zu allen möglichen Lebensfragen, sehr beliebt.

Liu könnte also wirklich gelebt haben. Wenn, dann war er vermutlich ein Mönch, der zurückgezogen in der näheren Umgebung der Quelle des weißen Drachen lebte und einen festen Tagesablauf mit Teezeremonie und Meditation verbrachte. Im Laufe dieser Mediationen ist es durchaus möglich, dass er meinte, in den Dampfschwaden des Tees einen weißen Drachen zu sehen.

Auch ist es denkbar, dass ausgerechnet diese Quelle eine ganz besondere Mineralstoffzusammensetzung hatte und vielleicht sogar bis heute hat, aufgrund deren der Tee tatsächlich einen ganz besonderen Duft und Geschmack bekam.

Fazit

Auch zu dem Mythos über Liu Xian Yan und die Quelle des weißen Drachen lässt sich letzten Endes also nichts anderes sagen, als über die meisten anderen Teemythen auch: Es gibt einen wahren Kern, der nicht von der Hand zu weisen ist. Dennoch sollte man auch diese Legende nicht wortwörtlich nehmen. Die Geschichten, die sich die Chinesen seit Jahrhunderten über ihre verschiedenen Tees erzählen reflektieren allesamt das damalige Leben wieder. Sie sind Abbilder dessen, was damals von Bedeutung war.

Dabei wurden die sogenannten Unsterblichen zum Teil stärker verehrt, als die Götter, da die Unsterblichen ebenfalls Menschen waren und sich als solche auch ihrer Kräfte bewusst waren. So entwickelte sich nach und nach neben dem Buddhismus der Taoismus, eine der „Drei Lehren“, die bis heute das Leben in China maßgeblich beeinflussen.

Aber auch wir, in unserer westlichen Kultur können selbst oder ganz besonders in der heutigen Zeit, etwas aus diesen Geschichten und Legenden mitnehmen. Stress und Hektik sind zu einem gewissen Teil hausgemacht. Wir haben es oft schlicht und einfach verlernt, uns ganz bewusst für alltägliche aber deswegen nicht weniger schöne Dinge Zeit zu nehmen.

Sicher ist eine Tasse Tee nichts allzu besonderes. Selbstverständlich kommt es auch stark auf die jeweilige Sorte an, die man gerade trinkt, aber im ganz normalen Alltag, ist Tee nichts Außergewöhnliches. Trotzdem sind wir uns häufig seines vollen Geschmacks gar nicht bewusst. Nehmen wir uns statt dessen aber mal nur wenige Minuten Zeit, trinken unseren Tee mit voller Aufmerksamkeit, fallen uns sicher Dinge auf, die wir vorher gar nicht wahr genommen haben. Schließen wir die Augen, intensivieren sich Geschmacks- und Geruchssinn. Hätten wir unseren Lieblingstee vorher an seinem Duft erkannt?

Wer hat nicht als kleines Kind einmal im Gras gelegen, die Wolken beobachtet und war bereits nach kurzer Zeit erstaunt, wie viele verschiedene Dinge und Gestalten man plötzlich in den weißen Gebilden am blauen Himmel entdecken kann? Warum dies nicht auch einmal mit einer dampfend heißen Tasse Tee wiederholen? Und wer weiß, vielleicht sieht man so gedankenversunken bald selbst einen weißen Drachen in seinem Tee…

 

Bildnachweis: Liu Xian Yan und der weiße Drache © leungchopan – Fotolia.com

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