Die Wasserkatastrophe von Wang Meng


Während der Jin-Dynastie (265 – 420) zerfiel China in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Der Norden des Landes war geprägt von Kriegen, Unruhen und ständigen Kämpfen um Macht und Einfluss. Dem Süden dagegen blieben die meisten dieser negativen Auswirkungen erspart. Hier gab es zahlreiche Gelehrte und Weiße, die sich regelmäßig trafen um gemeinsam zu diskutieren und zu philosophieren. Diese Zusammenkünfte fanden in der Regel in sogenannten Kultursalons statt und dabei wurde meist auch ordentlich getrunken. So viel sogar, dass die Philosophen den Beinamen „Kannegießer“ hatten.

Die Wasserkatastrophe von Wang Meng

Ein großes Problem an dieser Trinkerei war jedoch, dass quasi ausschließlich Schnaps getrunken wurde. Der Alkohol benebelte nicht nur den Geist und die Sinne und machte somit schon bald sämtliche Diskussionen und hochtrabenden Gespräche unmöglich, er war auch noch sehr teuer. Weniger wohlhabenden Gelehrten war somit der Weg zu diesen Diskussionsrunden versperrt.

So gab es schon bald immer mehr Philosophen, die statt Schnaps lieber Tee zu den Gesprächen mit ihren Kollegen tranken. Sowohl die finanziellen Aspekte, als auch die Tatsache, dass ein klarer Geist nun mal viel besser denkt und diskutiert, waren beste Gründe für diese Entscheidung.

Einer der Vorreiter, die nicht nur viel, sondern auch äußerst gerne Tee tranken, war ein Gelehrter namens Wang Meng. Er liebte seinen Tee sogar so sehr, dass seine Kollegen, die doch auch an ihrem Schnaps hingen, scherzend von der „Wasserkatastrophe von Wang Meng“ sprachen.

Einige Zeit später hatte der Tee den Schnaps endgültig aus den Kreisen der Gelehrten vertrieben. Schon bald war es regelrecht verpönt, seinen Verstand mit Alkohol zu vernebeln. Oberstes Ziel war es nun, durch Meditation und Teegenuss den Geist auf eine möglichst hohe Stufe zu heben, intelligenter zu werden und somit mehr Spiritualität zu erhalten.

Legende oder Wahrheit?

Sowohl die Jin-Dynastie, als auch die politischen Unruhen und Querelen währenddessen in China sind historisch eindeutig dokumentiert und belegt. Auch für die Diskussionskreise der Gelehrten gibt es ausreichend Beweise, ebenso wie für deren ursprünglichen Schnapskonsum und den späteren Wechsel hin zum Tee. Diese Geschichte ist also sehr viel mehr als nur ein bloßer Mythos, deswegen aber nicht weniger überraschend!

Denken wir an die Philosophen und Gelehrten Chinas, haben, zumindest wir in der westlichen Welt, sofort ein ganz bestimmtes Bild vor Augen: asketisch lebende Mönche, die in stundenlangen Meditationen und Teezeremonien ihre Gedanken klären und mit ihrem Lebensstil eine geistige Ebene erreichen, die sie für viele Ratsuchende zu gerne gehörten Medien machen.

Die ganz normale „Durchschnittsbevölkerung“ Chinas sah in diesen Weisen mindestens gottähnliche Wesen, wenn nicht sogar richtige Gottheiten. Sie galten als unsterblich und unsagbar klug, für viele scheinbar ausweglose Situationen wussten sie schnell einen Lösungsweg.

Zu diesem Bild von einem Leben in Entbehrung und Enthaltsamkeit zum Wohle einer höheren Spiritualität passt die Vorstellung von betrunkenen, umherwankenden Gelherten so ganz und gar nicht. Allerdings ist ja auch bekannt, dass der Tee selbst in China irgendwann erst seinen Anfang machen und sich seinen Platz in der Kultur erarbeiten musste. Auch, wenn Tee und China längst zusammengehören und Tee scheinbar immer schon ein Teil des Lebens in diesem Lande war, es gab ihn selbst dort nicht immer.

Und irgendwie ist dann doch auch verständlich und nachvollziehbar, dass die Gelehrten nicht ganz so einfach von ihrem geliebten Schnaps lassen wollten. So ein Kollege, der ein leidenschaftlicher Verfechter des Teegenusses war, wie Wang Meng, mag so gesehen durchaus für einige eine „Wasserkatastrophe“ ausgelöst haben.

Fazit

Das bedeutendste, was wir hierzulande aus dieser Geschichte „lernen“ können, ist wohl zu begreifen, dass selbst China, das Mutterland des Tees, nicht von Anbeginn seiner Zeiten an das große Teeland war, das es heute ist. Selbst dort, in seinem Ursprung, musste der Tee irgendwann seinen Anfang machen und musste erst einmal „Konkurrenz“ verdrängen.

Hätten die Gelehrten in ihren Diskussionsrunden damals nicht die Vorzüge von Tee gegenüber von Alkohol erkannt, wer weiß, ob Tee dann auch heute in China so bedeutend wäre und ob er unter diesen Voraussetzungen überhaupt erst seinen Weg zu uns gefunden hätte. Wieder einmal waren es also einige Zufälle die Letzen Endes dazu führten, dass unsere Welt heute so ist, wie sie ist.

Dabei wird die Frage, ob nun mehr der Preis des Schnapses, oder die für geistige Höchstleistungen eher ungünstigen Auswirkung des Alkohols der Hauptgrund für den Wechsel zum Tee waren, nie ganz eindeutig geklärt werden.

 

Bildnachweis: Teehaus in China © xmc30455 – Fotolia.com

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