Teemeister Rikyu und der saubere Garten


Wie selbst wir inzwischen in unseren Breitengraden wissen, geht es bei der japanischen Teezeremonie um weit mehr als „einfach nur Tee“. So gehört beispielsweise Sauberkeit und Reinlichkeit nicht nur dazu, es sind auch Kritikpunkte, die strengstens eingehalten werden müssen. Undenkbar beispielsweise einem Gast Tee in einer schmutzigen Tasse zu reichen. Oder einen Tee mit Dreck unter den Fingernägeln oder schlimmeren entgegen zu nehmen.

Teemeister Rikyu und der saubere Garten

Naheliegend auch, dass dieses Reinlichkeitsgebot sich nicht nur auf die beteiligten Personen oder die Utensilien einer Teezeremonie beschränken. Auch der Raum, ja das ganze Gebäude und selbstverständlich auch der Garten, der bei diesem Ritual ebenfalls ein Mittelpunkt ist, müssen möglichst sauber sein.

Ein Teemeister namens Rikyu zählte seiner Zeit zu den bekanntesten seiner Art. Er legte nicht nur Wert darauf, seinen Gästen den besten Tee zu servieren. Er war auch sehr darauf bedacht, die strengen Regeln allesamt exakt einzuhalten. Rikyu lebte förmlich die Teezeremonie und alles, was damit verbunden war.

So wunderte es niemanden, dass auch sein Sohn öfter dabei gesehen wurde, dass er den Garten säuberte und den Weg fegte, damit er für die nächste Zeremonie wieder rein genug war. Doch ebenso wenig selten war der große Meister mit der Arbeit seines Sohnes zufrieden. „Nicht rein genug!“ war oft das Urteil Rikyus, wenn er das Ergebnis der Mühen des Jungen betrachtete. Dieser beschwerte sich jedoch nie oder protestierte gar. Stattdessen nahm er seinen Besen wieder auf uns begann seine Arbeit erneut.

Schließlich ging er wieder zu Rikyu und sagte „Vater, es ist nichts mehr zu tun!“ Der Teemeister warf erneut einen Blick auf den Garten. Die Stufen des Weges und selbst die Steinlaternen hatte sein Sohn nicht weniger als dreimal gewaschen. Auf dem Boden lag nicht ein einziges Blatt oder gar ein Ästchen. Weder auf dem Weg, noch auf dem Rasen, alles sah aus, wie gemalt. Selbst die Flechten und Moose leuchteten in einem frischen Grün, als wären sie gerade erst auf eine Leinwand gezaubert worden und müssten noch trocknen.

Rikyu sah seinen Sohn an, schüttelte den Kopf und antwortete ihm nur „Du junger Narr, so fegt man doch keinen Gartenweg!“, dann ging er und schüttelte einen der Bäume, bis er einige seiner Blätter rings um seinen Stamm fallen ließ. Golden und purpurn leuchtete es nun auf dem saftigen Grün. „Es ist nicht allein die Sauberkeit, sondern vor allem die Natürlichkeit und die Schönheit des echten, das die Menschen glücklich macht!“ erklärte Rikyu seinem Sohn.

Legende oder Wahrheit?

Der Name Rikyu taucht in mehreren historischen Dokumenten und Quellen auf. Er dürfte auch ganz eindeutig ein Teemeister gewesen sein. Selbst sein Sohn wird verschiedentlich erwähnt. Auch, wenn man dabei nie seinen Namen erfährt, sondern immer nur von Rikyu’s Sohn die Rede ist, so kann man wohl doch davon ausgehen, dass es dieses Vater-Sohn-Gespann tatsächlich gab.

Und selbst wenn nicht, so geht es bei dieser Legende wohl weniger um die beteiligten Personen, sondern viel eher darum, wie ein sauberer Garten definiert wird. Während einer japanischen Teezeremonie wandert man immer wieder recht lange durch einen Garten. Zweck ist es, während dieser Spaziergänge, die Natur zu beobachten und dabei so abschalten zu können, dass man regelrecht in eine Meditation fällt.

Übertragen wir dieses Szenario einfach mal auf eine Situation, die für die meisten von uns wohl viel alltäglicher ist. Wo fühlen wir uns eher wohl: wenn wir bei Freunden eingeladen sind, deren Zuhause einfach Gemütlichkeit und Leben ausstrahlt, dem man ansieht, dass dort auch wirklich gelebt wird? Oder bei Freunden deren Wohnzimmer wirkt, als wäre es eine Ausstellungsecke eines Möbelhauses, bei denen man schon Angst hat, es könnte einem ein Brösel oder Krümel unter den Tisch fallen?

Fazit

Rikyu hatte also völlig Recht. Sicher sollte ein Garten „ordentlich“ sein, in dem Sinne, dass man nicht auf bemoosten Stufen ausrutscht oder über herabgefallene Äste stolpert. Aber ein Garten, der den Anschein erweckt, es würde sich noch nicht einmal der Wind trauen, ein einziges Blatt von den Bäumen zu wehen, wird wohl niemanden dazu einladen, länger zu verweilen, anregende Gespräche zu führen und in Ruhe hervorragenden Tee zu genießen.

Wer sich beim Spazierengehen darauf konzentriert, ja keinen Grashalm umzuknicken und keinesfalls Spuren seiner Anwesenheit zu hinterlassen, der wird sich nicht wohlfühlen. Und so eine Atmosphäre ist denkbar ungeeignet, für eine gute Teezeremonie.

 

Bildnachweis: chinesischer Garten ©Thinkstock: iStockphoto

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