Die 24 Teezeiten des Herrn Xu


Ein Schriftsteller namens Xu Ranming hat in seinem Werk „Throneingabe über den Tee“ 24 Punkte aufgelistet, bei denen man Tee trinken sollte. Übersetzt liest sich die Liste folgendermaßen:

Die 24 Teezeiten des Herrn Xu

„1. Wenn Herz und Hände in Muße weilen,

2. Ermüdet vom Lesen der Schriftrollen,

3. Wenn deine Stimmung in Aufruhr ist,

4. Beim Lauschen von Musik und dem Schlagen des Takts,

5. Wenn die Lieder verklungen sind, die Aufführung zu Ende,

6. Bei verschlossener Tür, Flucht vor der Welt,

7. Beim Spielen der chinesischen Zither und dem Betrachten von Bildrollen,

8. In tiefer Nacht, bei vertrautem Gespräch,

9. Unter hellem Fenster und an einem reinen Teetischchen,

10. In der Hochzeitsnacht, tief in den Gemächern,

11. Wenn Gäste und Hausherr miteinander plaudern,

12. Mit hohem Besuch oder kleinen Singmädchen,

13. Gerade zurückgekehrt von einem Gelage bei Freunden,

14. Bei mildem Wind und freundlicher Sonne,

15. Bei leichtem Regen in der Dämmerung,

16. An kleiner Brücke oder in buntem Kahn,

17. In dichtem Wald, unter hohem Bambus,

18. Beim Schneiden von Blumen, dem Fangen von kleinen Vögeln,

19. Im Lotospavillon, vor der Hitze Zuflucht nehmend,

20. Wenn im kleinen Innenhof Weihrauch brennt,

21. Wenn der Wein zur Neige gegangen und die Gäste fort sind,

22. Wenn die Kinder in der Schule sind,

23. In sauberen und stillen buddhistischen Tempeln,

24. An berühmten Quellen und merkwürdigen Felsen.“

Legende oder Wahrheit?

Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich nicht viel streiten. Zwar finden sich kaum Angaben zu Xu Ranming selbst, zumindest in unserer Sprache, aber sein buch existiert bis heute und die Übersetzung ist auch eindeutig. Allerdings kommen einem beim Lesen schnell einige Stellen sehr bekannt vor. „Wenn die Kinder in der Schule sind“, empfiehlt beispielsweise auch Lu Yun in seinem Werk „Cha King“ Tee zu trinken. Hat hier also einer vom anderen abgeschrieben?

Wenn man möchte, kann man es durchaus so sehen. Aber in diesem Falle ist es eher zweitrangig, wer seine Schrift zu diesem Thema zuerst verfasste. Sicher ist es von Bedeutung, wer was schrieb und an dieser Stelle soll keinesfalls jemandem das gebührende Lob und die verdiente Anerkennung für seine Arbeit aberkannt werden. Aber wenn es darum geht, eine Empfehlung auszusprechen, wann Tee getrunken werden sollte, ist es wohl eher so, dass beide Autoren sozusagen „den Nerv ihrer Zeit getroffen“ haben.

Tee ist in der chinesischen Kultur nicht nur einfach verwurzelt, er ist ein Hauptbestandteil, der bis heute absolut nicht aus dem Leben und Alltag der Menschen dort wegzudenken ist. Und bei so einem wichtigen Punkt, der tatsächlich das Leben jedes Menschen einer Gesellschaft betrifft, ist es nicht nur naheliegend, sondern sogar selbstverständlich, dass mehrere Personen unabhängig voneinander ähnliche oder sogar gleiche Empfehlungen dazu aussprechen.

Es gibt zwar kein vergleichliches Lebensmittel oder ein Getränk, das bei uns den Stellenwert von Tee in China einnehmen würde. Aber selbst, wenn die Bedeutung nicht annährend so groß ist, gibt es auch bei uns, Gerichte oder Getränke, die einfach zu bestimmten Situationen gehören. Gibt es einen Grund zu feiern, wird beispielsweise gerne mit Sekt angestoßen. Dies ist mit Tee in China keineswegs gleichzustellen, aber man würde auch niemandem vorwerfen, abgeschrieben zu haben, weil er zu feierlichem Anlass Sekt vorschlägt.

Fazit

Tee wird bis heute in China oft nicht einfach nur so getrunken. Häufig ist der Tee auch eine Meditationshilfe. Sein Geschmack und seine Aromen stimulieren die Sinne und lenken sie vom hektischen Alltag ab, seine Inhaltsstoffe lassen zur Ruhe kommen und wirken gleichzeitig entsprechend anregend, um während der Meditation nicht einzuschlafen. Selbst in unserem Kulturkreis kann man eine Tasse guten Tees ausgezeichnet als kleine „Insel der Ruhe“, oder einfach als Auszeit vom Alltag nutzen.

Deshalb verwundert es auch gar nicht, dass sowohl das Werk von Lu Yun, als auch die „24 Teezeiten des Herrn Xu“ bis heute ihre Berechtigung haben und überraschend auf unsere eigene Lebenssituation übertragbar sind. Zwar werden wohl heutzutage eher Emails statt Bildrollen betrachtet und wohl niemand hat brennenden Weihrauch im Innenhof, aber selbst solche Gegebenheiten lassen sich meist in unsere Zeit und unseren Kulturkreis übertragen. Entsprechend abgewandelt und angepasst lernen wir auch heute noch die besten Gelegenheiten und somit den idealen Grund, um Tee zu trinken: um sich eine meditative Auszeit zu nehmen, die Ruhe und die Natur zu genießen und den Moment bewusst wahr zu nehmen. Einen besseren Grund gibt es auch heute, selbst nach Jahrtausenden der Teegeschichte, nicht und wird es wohl auch nicht geben.

 

Bildnachweis: Tee Zeremonie ©Thinkstock: iStockphoto

One thought on “Die 24 Teezeiten des Herrn Xu

  1. Schöner Beitrag. Und ich stimme dir absolut zu: Das erste Geschenk, was ich von einer chinesischen Bekannten jemals bekam – du erratest es schon – ein Säckchen mit ausgezeichnetem weissen Tee. Tee ist aus der chinesischen Kultur wirklich kaum wegzudenken.

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