Legende oder Wahrheit?
Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich nicht viel streiten. Zwar finden sich kaum Angaben zu Xu Ranming selbst, zumindest in unserer Sprache, aber sein buch existiert bis heute und die Übersetzung ist auch eindeutig. Allerdings kommen einem beim Lesen schnell einige Stellen sehr bekannt vor. "Wenn die Kinder in der Schule sind", empfiehlt beispielsweise auch Lu Yun in seinem Werk "Cha King" Tee zu trinken. Hat hier also einer vom anderen abgeschrieben? Wenn man möchte, kann man es durchaus so sehen. Aber in diesem Falle ist es eher zweitrangig, wer seine Schrift zu diesem Thema zuerst verfasste. Sicher ist es von Bedeutung, wer was schrieb und an dieser Stelle soll keinesfalls jemandem das gebührende Lob und die verdiente Anerkennung für seine Arbeit aberkannt werden. Aber wenn es darum geht, eine Empfehlung auszusprechen, wann Tee getrunken werden sollte, ist es wohl eher so, dass beide Autoren sozusagen "den Nerv ihrer Zeit getroffen" haben. Tee ist in der chinesischen Kultur nicht nur einfach verwurzelt, er ist ein Hauptbestandteil, der bis heute absolut nicht aus dem Leben und Alltag der Menschen dort wegzudenken ist. Und bei so einem wichtigen Punkt, der tatsächlich das Leben jedes Menschen einer Gesellschaft betrifft, ist es nicht nur naheliegend, sondern sogar selbstverständlich, dass mehrere Personen unabhängig voneinander ähnliche oder sogar gleiche Empfehlungen dazu aussprechen. Es gibt zwar kein vergleichliches Lebensmittel oder ein Getränk, das bei uns den Stellenwert von Tee in China einnehmen würde. Aber selbst, wenn die Bedeutung nicht annährend so groß ist, gibt es auch bei uns, Gerichte oder Getränke, die einfach zu bestimmten Situationen gehören. Gibt es einen Grund zu feiern, wird beispielsweise gerne mit Sekt angestoßen. Dies ist mit Tee in China keineswegs gleichzustellen, aber man würde auch niemandem vorwerfen, abgeschrieben zu haben, weil er zu feierlichem Anlass Sekt vorschlägt.Fazit
Tee wird bis heute in China oft nicht einfach nur so getrunken. Häufig ist der Tee auch eine Meditationshilfe. Sein Geschmack und seine Aromen stimulieren die Sinne und lenken sie vom hektischen Alltag ab, seine Inhaltsstoffe lassen zur Ruhe kommen und wirken gleichzeitig entsprechend anregend, um während der Meditation nicht einzuschlafen. Selbst in unserem Kulturkreis kann man eine Tasse guten Tees ausgezeichnet als kleine "Insel der Ruhe", oder einfach als Auszeit vom Alltag nutzen. Deshalb verwundert es auch gar nicht, dass sowohl das Werk von Lu Yun, als auch die "24 Teezeiten des Herrn Xu" bis heute ihre Berechtigung haben und überraschend auf unsere eigene Lebenssituation übertragbar sind. Zwar werden wohl heutzutage eher Emails statt Bildrollen betrachtet und wohl niemand hat brennenden Weihrauch im Innenhof, aber selbst solche Gegebenheiten lassen sich meist in unsere Zeit und unseren Kulturkreis übertragen. Entsprechend abgewandelt und angepasst lernen wir auch heute noch die besten Gelegenheiten und somit den idealen Grund, um Tee zu trinken: um sich eine meditative Auszeit zu nehmen, die Ruhe und die Natur zu genießen und den Moment bewusst wahr zu nehmen. Einen besseren Grund gibt es auch heute, selbst nach Jahrtausenden der Teegeschichte, nicht und wird es wohl auch nicht geben. Bildnachweis: Tee Zeremonie ©Thinkstock: iStockphotoDie Teezeiten in der chinesischen Tradition
In der chinesischen Kulturtradition gab es – besonders in der Song- und Ming-Dynastie – ausgefeilte Vorstellungen davon, wann und wie Tee getrunken werden sollte. Der Gelehrte und Tee-Enthusiast Xu Cishu (许次纾, Ming-Dynastie) verfasste in seinem Werk „Cha Shu" (茶疏) eine detaillierte Liste der besten Zeitpunkte für Teegenuss: beim Aufwachen, nach dem Morgengebet, beim Lesen von Poesie, nach dem Schreiben, in stiller Mondnacht, bei Besuchen von Freunden, nach dem Mittagsmahl und in vielen weiteren Momenten des täglichen Lebens. Diese Liste spiegelt eine tief verwurzelte Überzeugung wider: Tee gehört zu den bedeutsamen Augenblicken des Lebens, nicht nur zu den alltäglichen. Xu Cishu unterschied damit zwischen dem gedankenlosen Trinken aus Durst und dem bewussten Trinken als Lebenskunst.
Tee und die Rhythmen des Tages
Xu Cishus Zeiteinteilung des Teekonsums folgt nicht willkürlichen Regeln, sondern einer Philosophie der Aufmerksamkeit. Tee nach dem Schreiben ist Belohnung und Übergang. Tee vor dem Schlafen ist Reflexion. Tee mit einem guten Freund ist Gemeinschaft. Tee bei Regen ist Einsamkeitspflege. Jede dieser Situationen verlangt nach einer anderen Teeart und einer anderen Zubereitung – ein leichter Grüntee für den Morgen, ein kräftiger Oolong für den Nachmittag, ein milder Weißtee für die Abendstunden. Diese Differenziertheit zeigt, dass die chinesische Teekultur nicht nur eine Trinktradition, sondern eine Kunst des Lebens war. Die 24 Teezeiten des Herrn Xu sind eine Einladung: Wann ist dein nächster Tee-Moment?
Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel ueber chinesische Teekultur. Einen ausfuehrlichen Ueberblick bietet unser Beitrag zu Jiaogulan Tee. Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeber zu Yan Cha Felsentee.
Die Kunst des richtigen Augenblicks
In der modernen Welt, in der Tee oft gedankenlos aus einem Automaten kommt oder im Stehen getrunken wird, hat Xu Cishus Konzept eine tiefe Aktualität. Die japanische Idee von „Ichigo Ichie" – dieser Moment, dieser einmalige Augenblick – ist der gleiche Gedanke. Tee optimal zu genießen bedeutet, innezuhalten und den Kontext zu würdigen. Ein Tee nach einem gelungenen Gespräch schmeckt anders als derselbe Tee in Eile getrunken. Die Qualität des Tees ist nicht allein in den Blättern – sie ist auch im Moment, den man ihm schenkt. Diese Weisheit kostet nichts, braucht keine teure Ausrüstung, und doch ist sie eine der wirksamsten Formen von Lebensqualitätssteigerung.
Häufig gestellte Fragen zu den Teezeiten
Wer war Xu Cishu?
Ein Ming-zeitlicher Gelehrter und Tee-Autor, bekannt für sein Werk „Cha Shu" (ca. 1597), eine umfassende Abhandlung über Tee-Genuss und Teekultur.
Gibt es die „24 Teezeiten" als Liste?
Xu Cishu nennt in seinem Cha Shu viele günstige Tee-Momente – die Zahl 24 ist symbolisch (wie die 24 Jahreszeiten des chinesischen Kalenders).
Welchen Tee trinkt man morgens, welchen abends?
Morgens: Grüntee oder Oolong für sanfte Energie. Abends: Weißtee, Rooibos oder Kräutertee ohne Koffein zur Entspannung.
Ist es schlecht, Tee hastig zu trinken?
Aus gesundheitlicher Sicht nein. Aber aus kultureller und genussbezogener Sicht verliert man das Wesentliche: die Pause, das Aroma, den Moment.
Verwandte Artikel
Entdecken Sie weitere interessante Beiträge zu diesem Thema:
- Goethe und die unehrenhafte Dame (Mythen)
- Wie Earl Grey zu seinem Tee kam (Mythen)
- Die eingeladenen Kleider (Mythen)
- Japanischer Mythos zur Entstehung des Tees (Mythen)
- Eine unglückliche Liebe und Mao Feng (Mythen)
- Sri Lanka Teekultur (Teekulturen)
- Alpine Summer (Kräutertee)
- China und der Tee (Teeländer)