Ein Mordstee


Tee gehört zu China wie die chinesische Mauer. Dieses Land ohne Tee wäre selbst für uns Europäer absolut undenkbar. Die Tradition des Teetrinkens und die speziellen Riten und Zeremonien rund um dieses Getränk sind bereits seit mehreren Jahrhunderten fest in die Kultur dieses Landes verwurzelt. Egal, welche Kriege gerade tobte, wer das Land gerade regierte, welche Unsicherheiten und Veränderungen der chinesischen Bevölkerung das Leben erschwerten, Tee gehörte und gehört stets ganz selbstverständlich zum Alltag.

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So ist auch bekannt, dass es rund um das Thema Tee in China alte, traditionelle Protokolle gibt, die genau festlegen, wie der Tee zubereitet wird, wem welcher Tee wann und wie serviert wird und vieles mehr. Sowohl die Rolle des Gastgebers, als auch die Verhaltensweisen der Gäste sind teilweise bis auf die Handbewegungen und Wortlaute genau und exakt festgeschrieben. Wer sich nicht an dieses strenge Reglement hielt, fiel nicht nur einfach unangenehm auf. Häufig kamen solche Fehltritte einer schweren Beleidigung gleich, denn zahlreiche Dinge im Ablauf einer chinesischen Teezeremonie haben mit so wertvollen Dingen wie Respekt und Ehrerbietung zu tun.

Ein Vergehen gegen diese starren Traditionen war sogar so schlimm, dass aus dem alten China eine Redewendung überliefert ist, die jedem und völlig ohne Zweifel verdeutlichen soll, wie ernst so eine Beleidigung durch Abweichung des Teeprotokolls wog. Auch, wenn nicht mehr bekannt ist, bei wem der Ursprung von „Ein Mord mag verziehen werden, eine Unhöflichkeit beim Tee nie!“ liegt, so macht dieser Satz doch unmissverständlich nah, dass ein Fehlverhalten im Rahmen einer Teezeremonie weit über einen simplen Fauxpas hinausging.

Legende oder Wahrheit?

Aber ist das nicht doch ein wenig übertrieben? Nahm ein Mord damals in China einen so verhältnismäßig geringen Stellenwert ein? Konnte man es wirklich eher verzeihen, dass einem unschuldigen Menschen das Leben genommen wurde, als dass jemand beispielsweise seine Hand über die Tasse legte, um nicht noch einmal nachgeschenkt zu bekommen? War es wirklich schlimmer, seinen Tee nicht leer zu trinken, als jemanden aus niederen Beweggründen gewaltsam zu töten? Muss man dieses alte Sprichwort wirklich wörtlich nehmen, oder ist es doch mehr als übertriebener Vergleich gemeint?

Da weder eine Zeit, noch eine Region Chinas überliefert sind, aus denen diese Redewendung stammt, dürfte es schwierig sein, diese Fragen endgültig und vor allem eindeutig zu beantworten. Eine Person, sozusagen einen konkreten „Erfinder“ gibt es schon gar nicht. Diese Daten hätten aber sehr hilfreich sein können. Wäre die Aussage beispielsweise jemandem zugeschrieben worden, der als besonders streng und schon regelrecht über-konsequent galt, was die Regeln bei Tee betraf, dass hätte man wohl darauf schließen können, dass „Ein Mord mag verziehen werden, eine Unhöflichkeit beim Tee nie!“ wohl tatsächlich wortwörtlich verstanden werden sollte.

Wüsste man dagegen, dass diese Aussage aus einer Zeit stammt, in der es in China sehr gewaltsam zuging, die Bevölkerung beim Anblick all der Gräuel verständlicher Weise regelrecht abgestumpft war und etwas wie Mord als fast schon zum Alltag gehörend angesehen wurde, so könnte man daraus ebenfalls Schlüsse ziehen. Der Satz wäre dann zwar sicher nicht weniger ernst gemeint, allerdings würde er doch etwas relativiert, da Mord wohl zu dieser Zeit als nicht so schwerwiegend betrachtet wurde.

Fazit

Doch selbst, wenn diese doch recht drastische Redewendung weder einem Ort, noch einer Zeit oder gar einer Person zugeordnet werden kann, sollte man sie doch ernst nehmen. In China wird sie auch heute noch teilweise als Sprichwort genutzt. Ebenso sind Tradition und vor allem Ehre fest verwurzelte Werte, die in dieser Kultur nahezu über allem stehen.

Ein Fehlverhalten während einer Teezeremonie mag heutzutage vielleicht nicht ganz so unverzeihlich gesehen werden, wie ein Mord, dennoch sollte man das Regelwerk sehr ernst nehmen, sollte man einmal die Gelegenheit bekommen, bei einem Chinesen Tee zu trinken.

Die „Do’s and Dont’s“ sind kein Geheimnis. Und da schon bekannt ist, wie bedeutend diese Höflichkeiten speziell für Chinesen sind, sollte man sich auch die Mühe machen, sich vorab ausreichend über die entsprechenden Verhaltensweisen zu informieren. Es ist kein großer Aufwand die Traditionen zu studieren und selbst wenn man nur die Grundzüge kennt, beweist man seinem Gastgeber damit bereits, dass man ihn schätzt, für die Einladung ehrlich dankbar ist und seine Kultur und Traditionen respektiert und zumindest keine bewussten Fehler machen möchte.

Sollte einem dann doch ein Ausrutscher passieren, weiß der Gastgeber immerhin, dass es nicht als Kränkung gemeint war. In einem offenen Gespräch kann man dann das entsprechende Missverständnis sicher schnell aus der Welt schaffen.

 

Bildquelle: Girl in japanese style/Alex Azarov/fotolia.com

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