Zhu Yuanzhang und der Ehrengürtel


Zhu Yuanzhang, der erste Kaiser der Ming-Dynastie, besuchte eines Tages seine Staatsbibliothek um sich dort einmal umzusehen und einen Überblick über die dort aufbewahrten Bücher und Dokumente zu verschaffen. Selbstverständlich bot ihm der dort angestellte Koch eine Tasse Tee an. Dieser Tee schmeckte dem Kaiser so außerordentlich gut, dass er, ohne zu überlegen oder zu zögern, dem Koch auf der Stelle einen kaiserlichen Ehrengürtel überreichte.

Zhu Yuanzhang und der Ehrengürtel

Einer der anwesenden Hofbeamten, die Zeuge dieser Ehrung für den Koch wurden, war darüber wohl recht verärgert. Für alle umstehenden gut verständlich sagte er: „Zehn Jahre harter Arbeit sind nicht so viel Wert wie eine einzige Tasse Tee!“ Alle anderen Anwesenden erschraken und hatten wohl auch ziemlich Angst vor dem, was nun kommen würde. Schließlich gehörte es sich nicht, den Kaiser zu kritisieren, ganz besonders nicht in aller Öffentlichkeit und für andere verständlich.

Doch anstatt seinen Beamten hart zu bestrafen, lächelte Zhu Yuanzhang gütig und mild und erwiderte seinem verärgerten Angestellten: „Seine Intelligenz unterliegt deiner, aber im Glück ist er dir überlegen!“

Legende oder Wahrheit?

Historisch belegt und dokumentiert ist, dass Zhu Yuanzhang, der sich später Hongwu nannte, tatsächlich der Begründer und erste Kaiser der bis heute berühmten Ming-Dynastie in China war. Seine Regentschaft dauerte von 1368 bis 1398.

Er wuchs in einfachen, ländlichen Verhältnissen auf, seine Familie lebte von der Landwirtschaft. ER war jedoch sehr ehrgeizig und zielstrebig und kämpfte schon bald recht erfolgreich in einer Rebellenbewegung namens „Rote Turbane“. Zur damaligen Zeit wurde das Land in der Yuan-Dynastie von den Mongolen regiert und diese „Fremdmacht“ gefiel vielen der Chinesen nicht.

Zhu Yuanzhang gelang es mit seinen Rebellen nicht nur, die Herrschaft der Mongolen zu beenden. Er gründete außerdem die Ming-Dynastie, regierte China als erster Kaiser dieser Zeit und gilt bis heute zu den erfolgreichsten und bedeutendsten Kaisern der Geschichte des Landes.

Weiterhin ist allerdings auch überliefert, dass Zhu Yuanzhang seine Herkunft nie vergaß und zeitlebens größere Sympathien für einfachere Leute hatte, die sich mit harter Arbeit ihr täglich Brot verdienen mussten. Gelehrte aus wohlhabenden Familien, die für einfaches Bücherlesen Geld und Wohlstand bekamen, waren bei diesem Kaiser einfach nicht besonders angesehen.

Diese Legende könnte sich also tatsächlich so zugetragen haben. Doch selbst, wenn dies gar nicht oder nur zum Teil der Fall wäre, zeigt dieser Mythos ein weiteres Mal, die enorm hohe Bedeutung von Tee in der chinesischen Kultur. Nicht nur, dass es selbstverständlich ist, einem Gast Tee anzubieten und das die Qualität das Tee gleichzusetzen ist mit dem Ansehen des Gastes, je nachdem ob dem Gast der Tee schmeckte oder nicht, konnte dies für den Gastgeber entsprechende Konsequenzen haben.

Fazit

Diese Legende über Zhu Yuanzhang hat genau genommen zwei wichtige Handlungen. Zum einen wird ein Kaiser gezeigt, der seine Herkunft nie vergessen hat. Trotz der Kaiserwürde hat er sich nie für das geschämt, was er einmal war. Er hat nie den Bezug zu seinen Wurzeln verloren. Und nicht nur, dass er trotz Prunk und Macht des Kaiseramtes die ärmeren, einfacheren Menschen nie aus den Augen verloren hat, hegte er auch keinen Groll gegen Menschen aus höheren Bevölkerungsschichten. Statt wütend und aufbrausend auf die Kritik seines Beamten zu reagieren, lächelt er mild und erledigt die Situation mit einem einzigen, klugen Satz.

Der zweite wichtige Punkt dieser Sage ist selbstverständlich wieder der Tee. In unserer Kultur mag es unvorstellbar anmuten, dass man sich mit einer einzigen Tasse Tee eine hohe Auszeichnung verdienen kann. Lediglich ein paar getrocknete Blätter, heißes Wasser darauf und schon wird man geehrt und gewürdigt? Bei uns sicher undenkbar und heutzutage in China wohl auch.

In den früheren Zeiten jedoch, als der Tee eine noch größere Bedeutung hatte, war dies wohl durchaus möglich. Die Reaktion des Hofbeamten beweist, dass dies trotzdem zwar keine Alltäglichkeit war. Aber es war einem Gast durchaus möglich sich für eine besonders gute Tasse Tee bei seinem Gastgeber erkenntlich zu zeigen. Und dies tat man in dem Maße seiner Möglichkeiten und je nachdem, wie sehr einem der Tee geschmeckt hatte. Mit der Tasse Tee drückte der Koch seinen Respekt und seine Ehrfurcht vor dem Kaiser aus und dieser dankte ihm seine Treue und Ergebenheit.

Vielleicht können wir aus dieser Legende die Lehre ziehen, dass wir, auch wenn es vielleicht im ersten Moment übertrieben sein mag, für scheinbare Selbstverständlichkeiten und Kleinigkeiten des Alltags dankbarer sind.

 

Bildnachweis: Zhu Yuanzhang und der Ehrengürtel © Grecaud Paul – Fotolia.com

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