Long Jing — auch Lung Ching geschrieben — bedeutet Drachenbrunnen und bezeichnet einen der angesehensten Grüntees Chinas. Seinen Namen verdankt er einer Legende aus der Provinz Zhejiang: Um 250 n. Chr. soll ein Taoist während einer großen Dürre den Drachen in einem Brunnen um Regen gebeten haben. Hier lesen Sie die Sage, ihre mögliche historische Grundlage und was den Tee dahinter bis heute so besonders macht.

Die Legende: ein Taoist, eine Dürre und ein Drache

In der Provinz Zhejiang, in der Nähe der Stadt Hangzhou (früher Hangchow), liegen die Hügel des Tieh-Mu-Gebirges. Zwischen ihnen soll ein Brunnen gestanden haben, in dem der Überlieferung nach ein Drache lebte. Um das Jahr 250 n. Chr. herrschte eine lange Trockenheit, die den Bauern der Region schwer zusetzte und Ernten wie Trinkwasser bedrohte.

Anders als in vielen chinesischen Teemythen, die einen Bezug zum Buddhismus herstellen, übernahm hier ein Taoist die Hauptrolle: Er nahm allen Mut zusammen, trat an den Brunnen und bat den Drachen um Regen. Wenig später fiel der ersehnte Niederschlag — so ergiebig, dass aus dem ausgedörrten Land wieder grünes Bauernland wurde. Mehr noch: Rund um den Brunnen begannen Teesträucher zu wachsen, deren Aufguss unverwechselbar schmeckte. Aus Dankbarkeit nannten die Menschen ihn Drachenbrunnentee, und der Drache galt fortan als Glücksdrache.

Legende oder Wahrheit?

Drachen hat es nie gegeben — und doch erhöht ausgerechnet die ungefähre Zeitangabe die Glaubwürdigkeit des Kerns: Über einschneidende Ereignisse wie Dürrekatastrophen finden sich oft noch Jahrhunderte später Aufzeichnungen, und Gesteinsschichten oder Wachstumsringe von Bäumen können solche Trockenphasen bestätigen. Auch die Existenz des Brunnens ließe sich archäologisch prüfen. Denkbar ist sogar eine profane Erklärung für den Drachen: eine große Wasserschlange, die von oben betrachtet diesen Eindruck erweckte.

Der Taoismus wiederum ist historisch bestens verankert — er zählt neben Buddhismus und Konfuzianismus zu den "Drei Lehren", die in China als Religionen anerkannt sind. Dass ein Taoist als Fürsprecher der Bauern auftritt, passt also in die Zeit. Wie eng Tee und Weltanschauung in China von Beginn an verflochten waren, zeigt auch der chinesische Mythos zur Entstehung des Tees.

Anzeige

Drachen: Glücksbringer statt Ungeheuer

Bemerkenswert ist das Drachenbild der Sage. Während europäische Legenden meist feuerspeiende Ungeheuer kennen, die Jungfrauen rauben, sind chinesische Drachen häufig sanftmütige Riesen — gefährlich zwar, aber zugleich Bringer von Regen, Glück und Wohlstand und Symbol kaiserlicher Würde. Dass ein Tee den Drachen im Namen trägt, ist in China also eine Auszeichnung, kein Schrecken.

Der Drachenbrunnen ist dabei nicht die einzige Sage dieser Art: Auch die Geschichte von Liu Xian Yan und dem weißen Drachen verbindet ein Fabelwesen mit der Entstehung eines Tees. Solche Erzählungen erklärten den Menschen Namen und Herkunft ihrer Tees — und gaben den Anbauregionen zugleich eine unverwechselbare Identität.

Long Jing heute: der Tee hinter dem Mythos

Der reale Lung Ching wächst in den Hügeln um den Westsee bei Hangzhou und blickt auf über tausend Jahre Anbautradition zurück. Er gilt vielen als bester Grüntee Chinas, wird bei Staatsempfängen gereicht und als Ehrengeschenk überreicht — sogar Queen Elisabeth II. hat ihn als Gastgeschenk erhalten. Geerntet wird bis heute ausschließlich von Hand; für die Spitzenqualitäten kommen nur die zartesten Knospen und Blätter der Frühjahrspflückung in Frage.

Charakteristisch ist die flache, glatte Blattform, die durch das Rösten von Hand in der heißen Eisenpfanne entsteht — ein Handwerk, das jahrelange Erfahrung verlangt und die Oxidation der Blätter stoppt. Mit dem Tee verbunden ist übrigens ein weiterer Herrscher: Kaiser Qianlong soll im 18. Jahrhundert achtzehn Sträucher am Westsee zu kaiserlichen Teebüschen erklärt haben; von ihm erzählt auch die Sage um Kaiser Qianlong und die grüne Schnecke.

Geschmack und Zubereitung des Drachenbrunnentees

Long Jing schmeckt mild, leicht nussig und fein süßlich — oft beschrieben mit Noten von gerösteten Kastanien — bei sehr zurückhaltender Bitterkeit. Der Aufguss leuchtet hell jadegrün und bleibt klar; trübe Tassen deuten auf mindere Qualität oder Imitate hin, die wegen des hohen Preises des Originals häufig im Umlauf sind. Beim Kauf helfen die gleichmäßig flachen Blätter und der frische, heuartig-nussige Duft als Erkennungszeichen.

Für die Zubereitung empfiehlt sich Wasser von etwa 75 bis 80 °C — kochendes Wasser zerstört die feinen Aromen — bei zwei bis drei Minuten Ziehzeit und etwa zwei Gramm Tee pro 200 ml. In China werden die Blätter gern direkt im hohen Glas aufgegossen, wo sie sich langsam senkrecht aufstellen; zwei bis drei Aufgüsse sind problemlos möglich. Trocken, kühl und luftdicht gelagert hält der Tee sein Aroma sechs bis zwölf Monate.

Anzeige

Häufige Fragen

Warum heißt der Long Jing Drachenbrunnentee?
Der Name geht auf eine Sage zurück: Um 250 n. Chr. bat ein Taoist während einer Dürre den Drachen in einem Brunnen bei Hangzhou um Regen. Nach dem rettenden Niederschlag wuchsen um den Brunnen Teesträucher — der Drachenbrunnentee war geboren.

Wo wächst der Long Jing?
In den Hügeln um den Westsee bei Hangzhou in der Provinz Zhejiang. Die Region blickt auf über tausend Jahre Anbautradition zurück, und die besten Lagen liegen unmittelbar am See.

Wie schmeckt Drachenbrunnentee?
Mild, nussig und fein süßlich mit Anklängen von gerösteten Kastanien, dabei kaum bitter. Der Aufguss ist hell jadegrün und klar — Trübung gilt als Warnsignal für mindere Ware.

Wie bereitet man Long Jing richtig zu?
Mit 75 bis 80 °C heißem, nicht kochendem Wasser, etwa zwei Gramm Tee pro 200 ml und zwei bis drei Minuten Ziehzeit. Zwei bis drei Aufgüsse sind üblich, gern direkt im Glas.

Sind Drachen in China böse Wesen?
Nein. Anders als in europäischen Sagen gelten chinesische Drachen als Glücksbringer und Regenbringer sowie als Symbol kaiserlicher Würde. Ein Drache im Teenamen ist deshalb eine Auszeichnung.

Verwandte Artikel

Entdecken Sie weitere interessante Beiträge zu diesem Thema:

AS

André Schulze · Herausgeber Tee-Magazin.de

André Schulze betreibt das Tee-Magazin seit 2011 und verkostet, fotografiert und beschreibt Teesorten aus aller Welt. Jeder Beitrag wird redaktionell geprüft und regelmäßig aktualisiert — zuletzt am 11. Juni 2026.