Das Geschenk der Kuan Yin


In der chinesischen Provinz Fujian gab es schon jeher eher ärmere Gegenden. Vor allem die Teile der Bevölkerung, die von der Landwirtschaft lebten, mussten oft Hunger und Not leiden. Trotzdem ließ es sich ein armer Bauer nicht nehmen, sich tagein tagaus sorgfältig und liebevoll um den Tempel der Göttin Kuan Yin zu kümmern. Er hielt ihn sauber und reparierte, wenn etwas kaputt war. Aber vor allem die eiserne Statue Kuan Yins, die mitten im Tempel stand, putzte und polierte er jeden Tag.

Das Geschenk der Kuan Yin

Kuan Yin beobachtete diesen armen Bauern mit wachsender Rührung und Dankbarkeit. Schließlich kam der Tag, an dem sie ihn für seine treuen Dienste und Mühen belohnen wollte. Sie erschien ihm im Traum und erzählte ihm, dass sie einen Schatz für ihn hinter ihrem Tempel bereithalte. Er solle ihn jedoch nicht für sich alleine behalten, sondern mit seinen Nachbarn teilen.

Am nächsten Tag sah der Bauer hinter den Tempel und fand dort einen Teestrauch. Zunächst war er sehr verwundert, grub jedoch schließlich den Strauch aus und pflanzte ihn in seinen Garten. Nach und nach zog er Ableger dieses Strauchs, die er seinen Nachbarn schenkte. Eines Tages kam ein Händler mit seinen Angestellten und Pferden durch den Ort. Er bekam von dem Tee zu trinken, den die Dorfbewohner und der Bauer inzwischen aus den Blättern der Sträucher zubereiteten und erkannte sofort dessen großes Potential. Es waren nicht nur die Teesträucher, die etwas Besonderes waren, sondern auch die Art und Weise, wie der Tee hergestellt wurde. Der Händler klärte sich sofort bereit, das Dorf bei der Vermarktung des Tees zu unterstützen und schon bald genossen alle Dank des Geschenkes von Kuan Yin ein angenehmes Leben in Wohlstand.

Legende oder Wahrheit?

Das die Bevölkerung in den Dörfern in Armut lebte, war lange Zeit keine Seltenheit. Selbst heute noch gibt es häufig ein Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land. Ein häufig beobachtetes Phänomen ist jedoch auch, dass gerade die Menschen in einer solchen Lebenssituation, die geprägt ist von Verzicht und Mangel, eine besonders tiefe und intensive Religiosität entwickeln.

Gut vorstellbar also, dass einem Bauern, vielleicht gerade weil er so arm ist, ein Tempel so sehr am Herzen liegt und so viel bedeutet, dass er sich darum kümmert, als wäre es sein Haus. Und selbstverständlich würde er dann auch die Statue der entsprechenden Gottheit ehrfurchtsvoll pflegen und umsorgen.

Da ist es auch nicht sonderlich abwegig, dass dieser Bauer irgendwann auch beginnt, von dieser Göttin zu träumen. Etwas, was uns tagsüber beschäftigt und sei es auch nur unterbewusst, taucht nicht selten nachts in unseren Träumen auf. Entweder durchleben wir eine bestimmte Situation nochmal, oder es entwickelt sich irgendetwas weiter. Man möchte also nicht unbedingt abstreiten, dass der Bauer den Glauben hatte, Kuan Yin sei ihm im Traum erschienen.

Vielleicht war es der pure Zufall, dass hinter dem Tempel ein Teestrauch wuchs und schließlich von dem Bauern entdeckt wurde. Man mag es auch Schicksal nennen. Wie auch immer, alles in allem kann man sich durchaus vorstellen, dass dieser Mythos nicht nur eine wunderschöne, sondern auch eine wahre Geschichte ist.

Fazit

Beweise dafür gibt es selbstverständlich nicht. Es fällt jedoch auf, dass die Göttin Kuan Yin, deren Tee heute unter dem Namen „Tie Guan Yin“ bekannt ist, sehr fürsorgliche, fast schon mütterliche Wesenszüge hat. Wohl nicht zufällig erinnert sie damit auch an die Heilige Maria, die von Katholiken weltweit als die jungfräuliche Mutter Jesu verehrt wird. Kuan Yin zeigt sich in dieser Legende so, wie man es wohl bis heute typisch weiblich bezeichnen würde.

In den meisten Sagen und Mythen über Tee kommen Frauen wenn überhaupt, nur als arme Waise vor oder kümmern sich fürsorglich um jemanden und werden in irgendeiner Weise mit Tee dafür belohnt. Die Rolle der übergeordneten Gottheit nehmen sonst jedoch die männlichen Götter ein. Sie sind es, die den Menschen die Erkenntnis über den Tee schenkten.

Die Geschichte, wie der Tie Guan Yin entstand ist also aus zwei Gründen etwas Besonderes. Zum einen könnte es sich, bis auf einige Kleinigkeiten, tatsächlich so abgespielt haben. Zum anderen spielt hier eine Göttin die Hauptrolle. Einer weiblichen Gottheit hat nicht nur ein einzelner armer Bauer, sondern ein ganzes Dorf seinen Wohlstand zu verdanken.

 

Bildnachweis: Das Geschenk der Kuan Yin © Moustyk – Fotolia.com

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