Der einsame König oder Verrücktheit ist immer eine Frage des Standpunkts


Es war einmal ein König, der in einem Schloss auf einem hohen Berg lebte. Von diesem Berg aus konnte der König sein ganzes Land überblicken. Zudem war er bei seinem Volk sehr beliebt. Er galt als weise und gerecht. Täglich brachten ihm Leute aus seinem Volk als Zeichen ihrer Dankbarkeit deshalb Geschenke und der Geburtstag des Königs war sogar ein Feiertag im ganzen Land.

Der einsame König oder Verrücktheit ist immer eine Frage des Standpunkts

Doch eines Tages geschah ein furchtbares Unglück. Die Brunnen des gesamten Landes wurden vergiftet. Als die Menschen sich mit dem Wasser daraus ihren Tee zubereiteten, wurden sie allesamt verrückt. Egal, ob Mann oder Frau, ja sogar die Kinder. Es gab keine Ausnahme. Einzig und allein der Brunnen des Königs, der hoch oben auf dem Berg bei seinem Schloss lag, blieb verschont und somit auf der König selbst.

Schon bald begannen die Menschen ihren König ganz kritisch zu beäugen. Sie fanden ihn plötzlich gar nicht weise und als gerecht konnte man sein Verhalten auch nicht mehr bezeichnen. Einige gingen sogar noch einen Schritt weiter und behaupteten, die einzige Möglichkeit sei die, dass der König verrückt geworden sei.

Rasch war es mit der Beliebtheit des Königs vorbei. Er bekam weder Geschenke der Dankbarkeit, noch wurde er von seinem Volk gefeiert. Auch seinen Geburtstag musste er nun ganz alleine feiern. Wer will schon den Geburtstag eines Verrückten mit großen Ehrungen begehen? Volk und König entfernten sich immer mehr voneinander.

Der arme König wurde immer einsamer, so hoch oben auf seinem Berg. Er verstand nicht, warum ihn sein Volk plötzlich nicht mehr liebte. Deshalb beschloss er eines Tages, sein Volk zu besuchen und nach den Gründen für ihren Meinungswechsel zu fragen. Der König machte sich auf den lange Weg von seinem hohen Berg hinab in die erste Stadt seines Reiches. Es war ein sehr heißer Tag und so hatte der König großen Durst, als er ankam. Er fragte einen der Bürger dort, ob er vielleicht etwas zu trinken haben könnte.

Nun, der König war zwar verrückt, aber das war noch lange kein Grund, ihn qualvoll verdursten zu lassen. So reichte der Mann seinem König eine Schale Tee, der natürlich mit dem vergifteten Wasser aus dem Brunnen der Stadt zubereitet worden war… Und ab diesem Tag feierte das ganze Land euphorisch den Tag, an dem ihr geliebter König seinen Verstand wieder gefunden hat.

Legende oder Wahrheit?

Da weder Namen, noch ein genauer Ort genannt werden, lässt dies darauf schließen, dass diese Geschichte eher in Reich der Mythen und Legenden zu verbannen ist, als dass sie tatsächlich den Tatsachen entspricht. Wobei es durchaus denkbar wäre, dass Teile eines Landes über eine gemeinsame Wasserversorgung zeitgleich unter einer Vergiftung oder auch anderen Erkrankungen leidet. Andere Gebiete dagegen, die, etwa durch ihre Höhenlage bedingt, eine andere Wasserquelle nutzen, davon verschont bleiben.

Bei dieser Geschichte geht es aber wohl nicht in erster Linie um wahr oder unwahr. Vielmehr geht es darum, dass wir Menschen scheinbar schon immer dazu neigen, das zu tun, was die Mehrheit auch tut. Wir sind eindeutig ein „Herdentier“, es gibt einige wenige „Köpfe“ und der Großteil scheint einfach „Mitläufer“ zu sein.

Es gibt unzählige Beispiel e in der Geschichte, in der Denker, kluge Köpfe oder auch einfach nur innovative Geister für ihre neuen Ansichten zuerst verspottet, später dann sogar angegriffen wurden. Und irgendwann in der Geschichte kam der Punkt, an dem man ihnen doch Recht geben musste. Mehr noch: ohne diese „Querdenker“, wäre beispielsweise unsere technische Entwicklung noch längst nicht so weit, wie sie heute ist. Natürlich kann der Mensch weder fliegen noch kann er schneller als eine Kutsche fahren. Wir können auch nicht einfach so mit Menschen auf einem anderen Kontinent sprechen und im Dunkeln sehen können wir genauso wenig.

Dennoch gibt es längst Flugzeuge, Autos, Telefon, sogar Handy und Internet und elektrisches Licht ist absoluter Standard. Doch ihre Erfinder mussten einiges Gespött und Gelächter, teilweise auch schlimmeres auf sich nehmen, um diese Dinge für uns zu verwirklichen.

Fazit

Wer weiß, vielleicht wäre die Vergiftung in den Brunnen seines Landes ebenso plötzlich verschwunden wie sie gekommen war. Hätte der König seine Einsamkeit nur noch ein klein wenig länger ertragen, hätte sein Volk vielleicht erkennen müssen, dass nicht er es war, sondern sie, die verrückt geworden waren. Trotzdem ist auch nachvollziehbar, dass der König nicht auf Dauer in einer solchen Isolation leben wollte und konnte.

Vielleicht gelingt es uns ja dennoch in Zukunft, etwas offener zu sein und nicht jeden zu verurteilen, der anders ist, als wir. Anders ist meist gleichbedeutend mit Bereicherung.

 

Bildnachweis: chinesischer Tee ©Thinkstock: iStock

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