Wohl kaum ein europäisches Land wird so automatisch und selbstverständlich mit Tee in Verbindung gebracht, wie England. Sogar eine Folge der Asterix und Obelix-Komikbücher macht sich darüber lustig, dass die Engländer für ihre tägliche Tea-Time ganz plötzlich alles stehen und liegen lassen. Selbst Schlachten sollen dafür unterbrochen worden sein. Und so ganz unrecht scheinen die französischen Köpfe hinter Asterix gar nicht zu haben. Es gibt tatsächlich und allen Ernstes einen britischen Kampfpanzer (Challenger 2) mit fest eingebautem Wasserkocher für die Teezubereitung. Aber das war nicht immer so. Die Anfänge von Tee waren in England zunächst ebenso zaghaft, wie im restlichen Europa. Den Anfang machte die portugiesische Prinzessin Katharina von Braganza mit ihrem Hochzeitsgeschenk für den britischen König und ihren zukünftigen Gemahl Charles II. Schon wenige Jahre später lieferten sich die größten Segelschiffe bis zum Rand mit Tee beladen, regelrechte Wettrennen in den Hafen auf deren Ausgang von den Wartenden an den Kais sogar gewettet wurde. Die Ostindische Handelsgesellschaft nutze ihr Monopol für Wucherpreise, die hohen Teesteuern und Einfuhrzölle taten ihr Übriges. Tee war furchtbar teuer und deshalb eigentlich absoluter Luxus. Doch schnell blühte der Schwarzmarkt. Einige Händler nahmen Kontakt zu Kollegen in Holland auf und besorgten sich zollfreien Tee von deren Schiffen. Irgendwo im Ärmelkanal zwischen England und Frankreich wurde die Schmuggelware übergeben und zu wesentlich günstigeren Preisen gehandelt. Eigentlich kriminell, aber ohne diesen illegalen Teehandel wären wohl nie und nimmer die enormen Mengen an Tee getrunken worden, wie es zur damaligen Zeit üblich war. Die ehemals 2000 Kaffeehäuser Londons waren plötzlich nahezu verschwunden. Statt dessen schossen die Teegärten förmlich wie die Pilze aus dem Boden. Wenn man so will, kann man durchaus behaupten, dass sich in dieser Zeit die gesamte Kultur und Gesellschaft Englands veränderte. Und sogar die strengsten Moralapostel waren von diesen Neuerungen begeistert. Während sonst nach einem Besuch in einem der berüchtigten Ginkeller einige Betrunkene durch die Straßen torkelten und selbst in den Kaffeehäusern randaliert wurde, schien es in den Teegärten ausschließlich gesittet zuzugehen.

Legende oder Wahrheit?

Der größte Teil dieser Geschichte ist tatsächlich Teil der englischen Vergangenheit und somit auch entsprechend historisch dokumentiert. Und dass man von Tee nicht betrunken wird, ist ebenfalls eine eindeutige Tatsache. Fraglich ist allerdings, weshalb man ausgerechnet nach dem Genuss von Kaffee randalieren sollte und nach Tee nicht, ist fraglich. Und ob wirklich wegen dem beliebten Tee der Konsum von Gin und anderen alkoholischen Getränken in England zurückging, bleibt wohl auch dahin gestellt. Tatsache ist und bleibt allerdings, dass Tee wohl wie kein zweites Getränk das Leben in England nicht nur in der Vergangenheit entscheidend beeinflusst hat, sondern dies teilweise bis heute noch tut. Es gibt sogar ein Zitat, demnach die Engländer "nur sonntags an Gott glauben, den Rest der Woche glauben sie an ihren Tee". Egal, wie sehr die Engländer für ihre Liebe zum Tee belächelt wurden oder zum Teil immer noch werden, sie stehen dazu. Sicher hat Tee und die feste Tea-Time im Laufe der Zeit auch wieder etwas an Bedeutung verloren, seiner Beliebtheit insgesamt gesehen, tut dies jedoch keinen Abbruch. Tee ist und bleibt wohl auch das englische Nationalgetränk.

Fazit

Mit dem heutigen Sprachschatz würde man Tee in seiner Anfangszeit in England wohl als "neues In-Getränk" oder so ähnlich bezeichnen. Was für uns heute selbstverständlich und sicher nicht mehr wegzudenken ist, war damals ein absolutes Novum, sein Erfolg alles andere als sicher. Umso beeindruckender, wie sehr Tee sich in die Gesellschaft integriert, diese sogar verändert hat und schließlich von England aus seinen Siegeszug innerhalb ganz Europas fortgesetzt hat. In unseren Tagen würde sich Tee vermutlich dank der modernen Medien und der wachsenden Globalisierung schneller verbreiten, aber wäre er auch ähnlich erfolgreich? Könnte es heute nochmal ein Getränk geben, das komplette gesellschaftliche Strukturen aufbricht, sogar den Tagesablauf eines ganzen Landes entscheidend mit beeinflusst? Ähnliches, oder zumindest teilweise vergleichbares hat bisher wohl nur Cola erreicht. Die braune Limonade steht gerne noch für einen coolen Lebensstil, Freiheit und Ungezwungenheit. Dennoch gibt es wohl nirgends auf der Welt eine ganze Kultur, die ihre tägliche, feste "Cola-Time" zelebriert. Bisher bleibt Tee also unerreicht. Und sicher weiß jeder Teeliebhaber selbst am besten und ganz genau warum. Bildnachweis: England ohne Tee? © Springfield Gallery - Fotolia.com

Tee und der Aufstieg des British Empire

Die Geschichte Englands und des Tees ist untrennbar verwoben – in einer Weise, die weit über das tägliche Teekoch-Ritual hinausgeht. Als England im 17. Jahrhundert beginnt, Tee zu importieren, verändert sich nicht nur das Getränkverhalten, sondern die gesamte politische Ökonomie des Landes. Die Ostindien-Kompanie (East India Company), gegründet 1600, entwickelt sich zum wichtigsten Teeimporteur Europas und zum mächtigsten Handelsunternehmen der Welt – ein Monopol, das auf Teegewinnen gegründet ist. Diese Handelsmacht gibt England die finanziellen und logistischen Ressourcen für koloniale Expansion in Asien. Ohne den Teehandel wäre die Geschichte des British Empire anders verlaufen.

Die Kolonisierung Indiens ist eng mit Tee verbunden. Als China den Teeexport einzuschränken drohte, suchte die Ostindien-Kompanie nach Alternativen. Ab 1839 werden in Assam (Nordindien) Teepflanzen kultiviert – mit entführten chinesischen Sämlingen und entführtem Know-how. Darjeeling folgt ab 1852. Diese neuen Teeregionen machen Indien zum zweitgrößten Teeproduzenten der Welt und sichern Englands Teeversorgung unabhängig von China. Die Entwicklung dieser Plantagenwirtschaft ist jedoch auch mit dem dunklen Kapitel der Ausbeutung von Wanderarbeitern (Adivasi) verbunden – ein historisches Erbe, das bis heute nachwirkt.

Tee als sozialer Klebstoff der britischen Gesellschaft

Innerhalb Englands hat Tee eine soziale Demokratisierungsfunktion gespielt. Im 17. und 18. Jahrhundert war Kaffeehaus-Kultur rein männlich; Frauen wurden ausgeschlossen. Das Teekränzchen (Tea Party) zuhause war dagegen ein Raum, in dem Frauen sozialen Einfluss ausüben konnten. Catherine von Braganza, die portugiesische Gemahlin König Karls II., machte Teetrinken am Hof fashionable; der Adel folgte; die Mittelklasse imitierte den Adel. Tee wurde so zum ersten demokratischen Luxusgetränk – erschwinglich für viele, symbolisch besetzt mit Höflichkeit, Bildung und gesellschaftlichem Anstand. Dieser Aspekt prägte den britischen Charakter nachhaltig: die Fähigkeit, in Krisenmomenten Tee zu kochen, gilt heute noch als Akt emotionaler Stabilität.

FAQ: Was wäre England heute ohne Tee?

Wann begann die britische Teetradition? Tee kam im frühen 17. Jahrhundert durch Händler nach England. Katharina von Braganza machte ihn nach ihrer Heirat mit Karl II. 1662 am Hof fashionable. Die Verbreitung in der Mittelschicht begann im 18. Jahrhundert; der Afternoon Tea wurde 1840 von der Herzogin Anna von Bedford eingeführt. Die Teetradition ist also relativ jung – weniger als 400 Jahre alt.

Wie viel Tee trinken Briten heute? Durchschnittlich ca. 1,9 kg pro Kopf pro Jahr – deutlich weniger als die Türkei, aber immer noch enorm. Über 100 Millionen Tassen werden täglich in Großbritannien getrunken. Der klassische „cuppa" (Tasse Tee mit Milch, oft aus einem Teebeutel) ist das am häufigsten konsumierte Heißgetränk in England.

Hat die Bostoner Tea Party wirklich Amerika vom Tee entfremdet? Zum Teil ja. 1773 warfen amerikanische Kolonisten englischen Tee ins Meer, um gegen die britische Steuer zu protestieren. Dies wurde zum Symbol amerikanischen Widerstands; Kaffee wurde zum patriotischen Getränk. Dieser kulturelle Bruch hält bis heute an – die USA sind eine der weltweit wenigen Industrienationen, in denen Kaffee deutlich beliebter ist als Tee.

Was ist „Builder's Tea"? Builder's Tea ist ein britischer Ausdruck für starken, einfachen Schwarztee mit viel Milch und oft Zucker – der Tee, den Handwerker und Arbeiter in der Pause trinken. Er symbolisiert unkomplizierte, praktische Teekultur im Gegensatz zum formellen Afternoon Tea. Twinings English Breakfast und PG Tips sind typische Builder's-Tea-Marken.

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