Der Ig-Nobel-Preis ist der spöttische Stiefbruder des Nobelpreises: Seit 1991 zeichnet er Forschung aus, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. 1999 traf es gleich dreimal den Tee — einen Physiker, der das Eintunken von Keksen berechnete, einen Mathematiker, der tropfende Teekannentüllen untersuchte, und eine sechsseitige britische Norm zur korrekten Teezubereitung. Hier lesen Sie, was dahintersteckt.
Was ist der Ig-Nobel-Preis?
Der Ig-Nobel-Preis wurde 1991 von Marc Abrahams ins Leben gerufen, dem Herausgeber der Wissenschafts-Satirezeitschrift Annals of Improbable Research. Der Name spielt auf das englische Wort ignoble an, das so viel wie unwürdig oder schmachvoll bedeutet. Verliehen wird die Auszeichnung jedes Jahr im Herbst an der Harvard University, traditionell im Sanders Theatre vor rund 1.100 Zuschauern.
Trotz des spöttischen Rahmens überreichen echte Nobelpreisträger die Trophäen. Während der Zeremonie wirft das Publikum Papierflieger auf die Bühne — der Überlieferung nach landeten dort auch schon Teebeutel. Das Motto der Veranstalter lautet sinngemäß: Geehrt wird Forschung, die Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Eine Demütigung ist der Preis also nur auf den ersten Blick; viele Preisträger reisen inzwischen freiwillig und auf eigene Kosten an.
1999: Das Jahr, in dem der Tee dreimal gewann
Im Jahrgang 1999 stand der Tee gleich in drei Kategorien im Mittelpunkt. Den Physik-Preis teilten sich zwei Forscher aus Großbritannien: Len Fisher aus Bath hatte die optimale Methode untersucht, einen Biskuit-Keks in Tee einzutunken, und Jean-Marc Vanden-Broeck von der University of East Anglia hatte berechnet, wie eine Teekannentülle geformt sein muss, damit sie nicht tropft.
Der Literatur-Preis ging an die British Standards Institution für ihre sechs Seiten umfassende Norm BS 6008, die haarklein festlegt, wie eine Tasse Tee korrekt zuzubereiten ist. Zum Vergleich: Der Medizin-Preis desselben Jahres ging an einen norwegischen Arzt, der erforscht hatte, in welchen Gefäßen seine Landsleute am liebsten Urinproben abgeben — das Ergebnis waren Heringsgläser der Marke Delikat Apetittsild. Der Tee befand sich also in durchaus schräger Gesellschaft.
BS 6008: Die Norm für die perfekte Tasse Tee
Die 1980 veröffentlichte Norm BS 6008 existiert tatsächlich und ist inhaltsgleich mit der internationalen Norm ISO 3103. Sie schreibt unter anderem vor: 2 g Tee pro 100 ml Wasser, eine Kanne aus weißem Porzellan oder glasiertem Steingut und exakt sechs Minuten Ziehzeit. Gedacht ist das Regelwerk nicht für den Frühstückstisch, sondern für sensorische Vergleichstests, bei denen verschiedene Tees unter identischen Bedingungen verkostet werden müssen.
Für den Hausgebrauch sind sechs Minuten allerdings eine Ansage — viele Schwarztees werden dann deutlich herber, als es die meisten Teetrinker mögen. Wer wissen will, welche Faktoren beim Aufguss wirklich zählen, findet im Beitrag Teewasser muss kochen — oder doch nicht? die wichtigsten Temperaturregeln und in unserem Artikel zur Frage, ob es wirklich weiches Wasser zum Teekochen sein muss, alles zur Wasserhärte.
Die Physik des Keks-Eintunkens
Len Fishers Arbeit klingt absurd, beruht aber auf seriöser Kapillarphysik: Er nutzte die Washburn-Gleichung aus dem Jahr 1921, die beschreibt, wie schnell Flüssigkeit in poröse Materialien eindringt. Sein praktisches Ergebnis: Wer den Keks flach und leicht schräg eintaucht, sodass nur die Unterseite nass wird, verlängert die Zeit bis zum Zerbrechen etwa um das Vierfache. Bei Schokoladenkeksen gehört die beschichtete Seite nach oben, weil sie als stabilisierende Schicht trocken bleibt.
Vanden-Broecks Tüllen-Studie wiederum lieferte eine Erklärung für den sogenannten Teekanneneffekt: Der Tee läuft beim Einschenken außen am Ausguss entlang, weil die Flüssigkeit an der Kante haftet. Eine scharfe, dünn auslaufende Tüllenkante und ein zügiger Gießwinkel schaffen Abhilfe. Wer Tee und Gebäck lieber praktisch kombiniert, findet Anregungen in unserem Beitrag zu Weihnachtsplätzchen mit Tee.
Legende oder Wahrheit?
An dieser Geschichte gibt es nichts zu rütteln: Den Ig-Nobel-Preis gibt es seit 1991, sämtliche Preisträger und die Begründungen der Jury sind dokumentiert und lassen sich bis heute nachlesen. Auch der Radau bei den Verleihungen ist verbürgt — inklusive der achtjährigen Miss Sweetie Poo, die zu lange Dankesreden mit dem Dauersatz unterbricht, ihr sei langweilig.
Bleibt die Frage, ob die Juroren 1999 etwas gegen Tee hatten. Wohl kaum: Die sechsköpfige Jury kürt nach eigener Aussage schlicht die kurioseste Forschung des Jahres, und in Großbritannien, wo laut Branchenverband täglich rund 100 Millionen Tassen Tee getrunken werden, beschäftigen sich naturgemäß auch Wissenschaftler mit dem Nationalgetränk. Wie tief der Tee dort im Alltag verankert ist, zeigt unser Artikel zur britischen Teekultur.
Was Teetrinker aus der Geschichte mitnehmen
So spöttisch der Preis gemeint war: Alle drei ausgezeichneten Arbeiten beantworten Fragen, die sich Teetrinker tatsächlich stellen. Wer schon einmal die aufgeweichte Hälfte seines Kekses aus der Tasse gefischt hat oder dessen Lieblingskanne bei jedem Einschenken kleckert, weiß die Erkenntnisse zu schätzen. Und die Norm-Ziehzeit von sechs Minuten taugt immerhin als Ausgangspunkt für eigene Experimente.
Am Ende bleibt Teegenuss eine persönliche Angelegenheit: Der eine lässt seinen Grüntee nur 90 Sekunden ziehen, die andere schätzt eine kräftige Gerbstoffnote nach vier Minuten. In unserer Redaktion hat sich bewährt, neue Sorten zunächst nach Packungsangabe aufzugießen und dann in Schritten von 30 Sekunden zu variieren — ganz ohne sechsseitige Norm.
Häufige Fragen
Was ist der Ig-Nobel-Preis?
Eine satirische Auszeichnung, die seit 1991 jährlich an der Harvard University verliehen wird. Sie ehrt Forschung, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregt — überreicht von echten Nobelpreisträgern.
Warum bekam Tee-Forschung 1999 gleich drei Ig-Nobel-Preise?
Len Fisher analysierte das Eintunken von Keksen, Jean-Marc Vanden-Broeck tropfende Teekannentüllen, und die British Standards Institution wurde für ihre sechsseitige Norm zur Teezubereitung geehrt — drei Tee-Themen in einem Jahrgang.
Gibt es wirklich eine offizielle Norm für die Zubereitung von Tee?
Ja. Die britische Norm BS 6008 von 1980, international als ISO 3103 geführt, legt 2 g Tee pro 100 ml Wasser, eine Porzellankanne und sechs Minuten Ziehzeit fest — gedacht für sensorische Vergleichstests.
Wie tunkt man einen Keks ein, ohne dass er zerbricht?
Nach Len Fishers Berechnungen flach und nur mit der Unterseite ins Getränk halten; bei Schokoladenkeksen die beschichtete Seite nach oben. Das verlängert die Haltezeit etwa um das Vierfache.
Ist der Ig-Nobel-Preis eine ernst gemeinte Beleidigung?
Nein. Trotz Buhrufen und Papierfliegern gilt er inzwischen als augenzwinkernde Ehrung; viele Preisträger nehmen ihn persönlich entgegen und tragen ihn mit Humor.
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