Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Vorreiter der deutschen Aufklärung und bis heute fester Bestandteil der Theaterspielpläne, war überzeugter Teetrinker. Von ihm stammt das Zitat: "Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber dass ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiss." Wie passt diese Leidenschaft zum nüchternen Vernunftmenschen? Dieser Beitrag geht dem Zitat und seinem Hintergrund nach.

Wer der nüchterne Aufklärer war

Lessing lebte von 1729 bis 1781 und zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern überhaupt. Seine Theaterstücke stehen seit Generationen ohne Unterbrechung auf den Spielplänen — vom kleinen Stadttheater bis zur großen Bühne; "Nathan der Weise" mit der berühmten Ringparabel ist bis heute Schullektüre. Dabei war Lessing nicht einfach ein Vertreter der Aufklärung, er gilt als ihr unangefochtener Vorreiter in Deutschland.

Beflügelt von den geistigen Umbrüchen in Frankreich glaubte er an ein neues Selbstbewusstsein des Bürgertums und stellte den Toleranzgedanken ins Zentrum seiner Werke. Religion gegenüber äußerte er sich skeptisch: Er beklagte das "Festhalten an den Buchstaben" der Bibel und hoffte auf ein "Christentum der Vernunft". Lessing war, kurz gesagt, ein Kopfmensch.

Das berühmte Tee-Zitat

Umso überraschender wirkt auf den ersten Blick, was Geschichtsschreiber und Biographen überliefern: Lessing trank nicht nur regelmäßig Tee, von ihm stammt auch der Satz "Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber dass ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiss." Mehr Bekenntnis zum täglichen Teeritual passt kaum in zwei Sätze.

Dass dem Aufklärer hier falsche Worte in den Mund gelegt wurden, gilt als unwahrscheinlich. Lessing war schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit, eine Art Anführer einer ganzen Bewegung; seine Aussagen wurden von Anhängern und Chronisten dokumentiert wie seine Werke gehütet. Selbst wenn der Wortlaut nicht buchstabengetreu überliefert sein sollte — am Sinn besteht kein ernsthafter Zweifel: Lessing war ein überzeugter, täglicher Teetrinker.

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Passt Tee zu einem Vernunftmenschen?

Auf den zweiten Blick verschwindet der vermeintliche Widerspruch. Man könnte einwenden: Um kaum ein Getränk ranken sich so viele Sagen, Legenden und Mythen wie um den Tee, in seiner asiatischen Heimat wird er sogar ausdrücklich getrunken, um lange meditieren zu können — war das einem kopflastigen Theoretiker nicht zu schwammig? Doch wer Vernunft mit solcher Hingabe predigte wie Lessing, war alles andere als leidenschaftslos: Er hatte die Aufklärung zu seinem Lebensinhalt gemacht, und ohne eigenes Feuer wäre das unmöglich gewesen.

Gut vorstellbar, dass gerade der Tee ihm half, beide Seiten zu verbinden: Das Getränk regte an, ohne zu berauschen — und ließ den Kopf klar für Streitschriften, Dramen und Debatten. Vielleicht nutzte er seine täglichen Teestunden, um in Ruhe über die Ereignisse in Frankreich, seine Hoffnungen für Deutschland und die Ideen seiner Mitstreiter nachzudenken. Das klingt nicht nur plausibel, sondern ausgesprochen vernünftig — ganz im Sinne Lessings.

Tee im Deutschland des 18. Jahrhunderts

Lessings Teekonsum fällt in eine Zeit, in der das Getränk in Europa längst Fuß gefasst hatte. Niederländische Handelsschiffe hatten den Tee im 17. Jahrhundert nach Europa gebracht; wie er am englischen Hof gesellschaftsfähig wurde, erzählt die Geschichte von der ganz besonderen Mitgift der Katharina von Braganza. In Deutschland entwickelte vor allem der Nordwesten eine eigene Tradition — die ostfriesische Teekultur mit ihrer Teetied besteht bis heute.

In den Salons und Kaffeehäusern der Aufklärung wurde bei Tee und Kaffee über Politik, Wissenschaft und Literatur debattiert. Ein anregendes, aber nüchtern haltendes Getränk passte perfekt zu einer Epoche, die das klare Denken zum Programm erhoben hatte — Tee war gewissermaßen der ideale Treibstoff der Vernunft.

Dichter und ihr Tee: Lessing in guter Gesellschaft

Mit seiner Teeleidenschaft steht Lessing in der deutschen Literaturgeschichte nicht allein. Auch um Johann Wolfgang von Goethe rankt sich eine Tee-Anekdote, nachzulesen in Goethe und die unehrenhafte Dame; ein Jahrhundert später machte Theodor Fontane den Tee zum Gegenstand feiner Gesellschaftsbeobachtung — davon erzählt Fontane und der Kampf gegen das Gewöhnliche.

Dass ausgerechnet Schriftsteller dem Tee zugetan waren, überrascht wenig: Wer stundenlang konzentriert am Schreibtisch arbeitet, schätzt ein Getränk, das wach hält, ohne den Verstand zu trüben. Lessings Gewissheit, morgen jedenfalls Tee zu trinken, dürfte so mancher Autor bis heute teilen — und mancher Leser ebenso.

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Häufige Fragen

Was sagte Lessing über den Tee?
Überliefert ist das Zitat: "Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber dass ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiss." Es gilt als Beleg für sein tägliches Teeritual.

Wer war Gotthold Ephraim Lessing?
Ein deutscher Dichter und Dramatiker (1729-1781), Vorreiter der deutschen Aufklärung. Werke wie "Nathan der Weise" stehen bis heute auf den Spielplänen der Theater; der Toleranzgedanke prägt sein gesamtes Schaffen.

Ist das Tee-Zitat von Lessing echt?
Biographen halten es für authentisch, mindestens dem Sinn nach. Lessings Aussagen wurden schon zu Lebzeiten dokumentiert, da er als Anführer der Aufklärungsbewegung große Aufmerksamkeit genoss.

Warum passte Tee zur Aufklärung?
Tee regt durch sein Koffein an, ohne zu berauschen — anders als Wein oder Bier ließ er den Verstand klar. Für eine Epoche, die das vernünftige Denken zum Ideal erhob, war er das passende Getränk.

Tranken auch andere deutsche Dichter Tee?
Ja. Um Goethe rankt sich eine eigene Tee-Anekdote, und Theodor Fontane verarbeitete die Teekultur seiner Zeit literarisch. Tee galt in Gelehrten- und Künstlerkreisen als Getränk der konzentrierten Arbeit.

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André Schulze · Herausgeber Tee-Magazin.de

André Schulze betreibt das Tee-Magazin seit 2011 und verkostet, fotografiert und beschreibt Teesorten aus aller Welt. Jeder Beitrag wird redaktionell geprüft und regelmäßig aktualisiert — zuletzt am 11. Juni 2026.