Beim Namen Tibet denken wir meist als erstes an die Jahrzehnte dauernden Querelen und Streitereien zwischen dem kleinen Staat im Himalaya-Gebirge und dem großen China um die Unabhängigkeit und Autonomie Tibets. Auch der Dalai Lama und die Mönche mit den auffallenden orangefarbenen Kleidern und den häufig kahlgeschorenen Köpfen kommen einem schnell in den Sinn. Doch auch hier hat der Teegenuss eine Jahrhunderte alte Tradition. Im Alltag wird kaum etwas anderes getrunken, als Tee und die tibetische Teekultur wurde stark von der etwas älteren chinesischen beeinflusst.

Geschichte der Zeremonie: Varianten der Zubereitung des Tees

Quellen besagen, dass der erste Tee bereits in der Tang-Dynastie von China nach Tibet kam. 641 heiratete die chinesische Prinzessin Wen Cheng den tibetischen Herrscher Songtsen Gampo. Sie brachte wohl auch Teeblätter mit in ihre neue Heimat. Aber auch unabhängig von dieser Verbindung begann Tibet in der damaligen Zeit immer mehr Handel mit China zu betreiben und Waren auszutauschen. Darunter auch Tee. Verständlich also, dass sich die ab dann entstehende tibetische Teekultur zunächst auch stark an der chinesischen orientierte. Wie bei zahlreichen anderen Kulturen auch, breitete sich die Gewohnheit des Teetrinkens auch in Tibet ausgehend von den obersten Schichten langsam auf die gesamte Bevölkerung aus. Vor allem bei den Mönchen war das neue Getränk wegen seiner anregenden Wirkung beliebt. Während den Meditationen fiel es ihnen wesentlich leichter wach zu bleiben, wenn sie Tee tranken. Da Tee bei den Mönchen so beliebt war, wuchs sein Bekanntheitsgrad schnell und auch der Rest der tibetischen Bevölkerung begann Tee zu konsumieren. Von Anfang an und auch heute noch gibt es in Tibet zwar völlig verschiedene Arten den Tee zu trinken. Den größten Teil macht die Zubereitung als salziger Buttertee aus. Meist wird Yakbutter dazu verwendet. Dabei wird ausschließlich zu Ziegeln gepresster Tee verwendet. Ein Teil davon wird gemahlen, bis er pulverförmig ist, in einen Kessel gegeben und mit Wasser zu einem Teekonzentrat verkocht. Dieses Konzentrat wird dann in ein Holzgefäß umgefüllt und mit Salz und Butter vermischt. Vor dem Verzehr wird der Buttertee nochmals im Kessel erwärmt. Der Buttertee ist zwar äußerst dünn, ist aber trotzdem sehr nahrhaft und wärmt gut. Beides große Vorteile bei den klimatischen Bedingungen Tibets. Kein Wunder also, dass der Buttertee das Alltagsgetränk schlechthin in Tibet ist. Aber auch die Variante als süßer Milchtee ist in Tibet bekannt und beliebt. Vor etwa 100 Jahren erst begannen viehzüchtende Nomaden ihren Tee statt mit Salz und Butter mit Zucker und Milch aufzukochen.

Der Ablauf der Teezeremonie

Für die Tibeter ist Tee ein Geschenk Buddhas, das dementsprechend wertvoll ist und auch in Tempeln verehrt wird. So fanden die Teezeremonien seit jeher in Tempeln statt und wurden ausschließlich von Mönchen abgehalten. Teekannen und -schalen aus kostbaren Materialien wie etwa Jade waren keine Seltenheit, obwohl sie immer noch bescheidener waren, als etwa das Teegeschirr des tibetischen Herrscherhofes. Die Mönche saßen in ihrem Tempel in mehreren Reihen, ein sogenannter Stifter kniete auf dem Boden, sang religiöse Hymnen und schenkte dabei den Tee ein, der dann an alle Mönche weiter gereicht wurde. Dieser Ablauf war sehr feierlich und wurde von einem Zeremonienmeister streng überwacht. Dabei wurden diese Teezeremonien im Laufe der Zeit zunächst immer pompöser und aufwendiger. Während die ersten Teezeremonien noch recht schlicht abliefen, kamen im Laufe der Jahre immer mehr Riten und Vorschriften hinzu, der Bezug wurde immer spiritueller.

Teegeschirr und Zubehör

Die Art des Teegeschirrs richtet sich stark nach der Gesellschaftsschicht und nach dem Zweck des Teetrinkens. Bei Hofe oder in den höheren Schichten sind Teekanne und -schalen sicher wesentlich prunkvoller, als bei der restlichen Bevölkerung. Da der Buttertee den ganzen Tag über getrunken wird, erübrigt sich bei den niederen Bevölkerungsschichten auch das Umfüllen in eine Teekanne, da der Tee auch direkt aus dem Kessel geschöpft werden kann. Eine spezielle Kanne ist also nicht zwingend notwendig.

Bedeutung der Teezeremonie

Die tibetische Kultur ist sehr symbolträchtig. So steht Tee wie in anderen Kulturen auch, für Freundschaft. Aber auch Verehrung, Glück und sogar Reinheit sollen mit den Schalen dampfenden Tees dargestellt werden. Nur noch selten ist ein so starker spiritueller Zusammenhang zwischen Teegenuss und religiöser Tradition zu finden. So gilt es auch in Tibet als große Geste der Gastfreundlichkeit, einem Besucher Tee anzubieten. Diesen trinkt man dann grundsätzlich in kleinen Schlucken. Möchte man besonders höflich sein, lobt man als Gast die Qualität des Tees. Da eine leere Teeschale gleichzusetzten ist, mit Abschied nehmen, füllt ein guter Gastgeber die Teeschalen auf, sobald sie halb leer getrunken sind. Und sogar die "hungrigen Geister" bekommen in Tibet Tee serviert. Dazu benetzten die Tibeter ihre Fingerspitzen etwas mit Tee und schnipsen die Feuchtigkeit dann um sich. Dies gilt als Opfergabe an jene verstorbenen, die eben als "hungrige Geister" wiedergeboren wurden.  Bildnachweis: Tibetische Teekultur - © Basmati - Fotolia.com

Buttertee: Das Herzstück der tibetischen Teekultur

Kein Getränk ist so unmittelbar mit einer Kultur verbunden wie Buttertee (Tsampa-Tee, tibetisch: „Po Cha") mit Tibet. Dieses Getränk – aus gepresstem Ziegelstein-Schwarztee, Yak-Butter und Salz in einem hölzernen Butterfass (Chandong) geschlagen – erscheint westlichen Besuchern oft fremdartig, ist aber von genialem pragmatischem Kalkül. In der Höhenluft des tibetischen Plateaus (3500–5000 m über Meeresspiegel), wo Temperaturen auf -40°C fallen können und der Körper extremen Bedingungen ausgesetzt ist, liefert Buttertee: Kalorien und Fett für Energie und Wärme, Salzersatz (bei Kälte verliert der Körper mehr Salz), Flüssigkeit (lebensnotwendig auf großen Höhen) und Koffein für Wachheit bei harter Arbeit.

Das Zubereiten von Buttertee ist ein Ritual. Der starke Ziegeltee wird stundenlang gekocht; die Yak-Butter (aus der Milch der hochgezüchteten Yaks, die an das Hochplateau angepasst sind) wird hinzugefügt; alles wird im Chandong mit kräftigen Auf- und Abbewegungen zu einer homogenen, cremig-goldenen Emulsion geschlagen. In der traditionellen tibetischen Gastfreundschaft ist das Anbieten von Buttertee die erste Geste beim Empfang von Gästen; eine volle Schale wird immer wieder aufgefüllt – das Ablehnen gilt als Unhöflichkeit. Täglich werden 10–30 Tassen konsumiert; in kalten Regionen noch mehr.

Tee auf der Seidenstraße: Tibets Teewirtschaft

Tibet war ein entscheidender Knotenpunkt des alten „Tea Horse Road" (Cha Ma Gu Dao) – der legendären Handelsroute, auf der chinesischer Tee gegen tibetische Kriegspferde getauscht wurde. Diese Route war für Jahrhunderte eine der wichtigsten Handelsarterien Asiens, vergleichbar mit der Seidenstraße. Tee aus den Bergen von Yunnan und Sichuan wurde zu Ziegeln gepresst (um das Gewicht beim Transport zu reduzieren), auf dem Rücken von Trägern und Pferden durch extreme Höhenpässe transportiert und in Tibet als Währung und Grundnahrungsmittel verwendet. Dieser Handel prägte die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen China und Tibet für Jahrhunderte. Noch heute ist gepresster Pu-Erh-Tee die direkte Nachfolge dieser Ziegeltee-Tradition.

FAQ: Tibetische Teekultur

Wie schmeckt Buttertee für westliche Gaumen? Buttertee ist für ungewohnte Trinker eine herausfordernde Erfahrung: salzig, fettig, mit einer merkwürdigen Butternote, die an ranzige Butter erinnern kann (Yak-Butter hat einen stärkeren Eigengeschmack als Kuhmilchbutter). Viele westliche Besucher Tibets berichten, dass sie sich an den Geschmack gewöhnen und ihn in der Kälte sogar als angenehm wärmend empfinden. In Tibet gilt er als Grundnahrungsmittel, nicht als Delikatesse.

Gibt es tibetische Teetraditionen außerhalb Tibets? Ja – in der tibetischen Diaspora in Indien (Dharamsala), Nepal und Bhutan wird Buttertee weiterpraktiziert. Auch in der Mongolei und in Teilen des chinesischen Buddhismus gibt es ähnliche Buttertee-Traditionen. In westlichen Gesundheitsmärkten findet Buttertee (in modifizierter Form als „Bulletproof Coffee/Tea" adaptiert) zunehmend Anhänger.

Was ist „Chai" in Tibet – anders als in Indien? In tibetisch beeinflussten Regionen (z.B. Ladakh) wird neben Buttertee auch ein mit Milch und Zucker gesüßter Tee (Gur Gur Cha) getrunken. Im buddhistischen Klosterleben spielt Tee eine wichtige rituelle Rolle; Mönche trinken täglich große Mengen, oft als Buttertee. Gewürztee im indischen Chai-Stil ist weniger verbreitet.

Wo bekommt man authentischen tibetischen Ziegeltee? Echten Ziegeltee aus Tibet ist in Europa kaum erhältlich. Am nächsten kommt man dem Original mit gepresstem Yunnan-Pu-Erh (ähnliche Verarbeitung) oder mit Ziegeltee aus Mongolei-Import. In größeren deutschen Städten mit asiatischen Spezialitätenläden oder bei spezialisierten Online-Importeuren kann man fündig werden.

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