Kaiser Wilhelm und die Revolution


Im November 1918 ging nicht nur das Jahr langsam zu Ende, auch der Erste Weltkrieg war in seiner letzten Phase. Langsam war die Niederlage Deutschlands nicht mehr zu leugnen, die Stimmen, dass die Soldaten, die jetzt noch in die Schlachten geschickt wurden, schlichtweg als Kanonenfutter verheizt wurden, wurden immer lauter.

Kaiser Wilhelm und die Revolution

In Kiel begannen junge Matrose eine Meuterei, weil sie dadurch verhindern wollten, dass auch sie in einen sinnlos gewordenen Krieg geschickt würden. Das Ergebnis der jahrelangen Schlachten und Kämpfe schien für sie längst fest zu stehen und unausweichlich zu sein. Jeder weitere Tote oder Verletzte war ein noch unnötigeres Opfer, als dies in solchen Zeiten ohnehin schon der Fall war.

Doch mit dieser, zunächst noch ganz einfachen Meuterei, wurde der sprichwörtliche Stein losgetreten und ins Rollen gebracht. Die Aufstände und Proteste wuchsen und breiteten sich schnell auf das ganze Land aus. Aus dem kleinen Matrosenaufstand wurde eine Revolution die auch die obersten Machtkreise Deutschlands erfasste. An ihrem Ende sollte aus der konstitutionellen Monarchie eine parlamentarische Demokratie geworden sein.

Verständlich und nachvollziehbar, dass der damalige Regent Kaiser Wilhelm II es angesichts der Wut und der Enttäuschung seines Volkes mit der Angst zu tun bekam und sich dazu entschloss, ins Exil zu fliehen. Er suchte sich die Niederlande dafür aus, dort war er der Meinung, könnte er sich sicher fühlen. Ein Graf namens Bentinck gewährte dem Kaiser Zuflucht auf seinem Schloss Amerongen.

Waren es die Geschehnisse in seiner Heimat, sein Machtverlust oder der unfreundliche, nasskalte Novembernebel, der sich grau und düster über Holland gelegt hatte, Kaiser Wilhelm schien total verängstigt und soll kein Wort gesprochen haben, ehe er in seinem Versteck ankam. Der Überlieferung nach, soll das erste, was Wilhelm seit Tagen sprach, die Bitte um eine Tasse Tee gewesen sein.

Die Hausdame des Grafen stammte ursprünglich aus Schottland und kannte aus ihrer Heimat noch die herrlichsten Teerezepte mit einem ordentlichen Schuss Whiskey. Diese speziellen Teekreationen und der nette Humor dieser Dame sollen die Stimmung und die Laune Kaiser Wilhelms so gebessert haben, dass er die Revolution im Deutschen Reich und seinen damit einhergehenden Machtverlust gar nicht mehr so schlimm fand.

Legende oder Wahrheit?

Die sogenannte Novemberrevolution die am Ende des Ersten Weltkriegs die politischen Machtverhältnisse in Deutschland entscheidend und nachhaltig veränderte, ist eine historisch einwandfrei belegte Tatsache. Ebenso der Fakt, dass Kaiser Wilhelm II nach Holland ins Exil ging. Wo er sich dort genau aufhielt, dürfte ebenfalls einwandfrei belegt sein. Entmachtung hin oder her, der Kaiser war eine bedeutende Persönlichkeit und lebte auch nach dem Ende seiner Regentschaft sicher nicht in absoluter Anonymität. Zumindest sein Aufenthaltsort wurde bestimmt zur Kenntnis genommen und in geschichtlichen Dokumenten festgehalten.

Fraglich bleibt allerdings, ob er tatsächlich während seines ganzen Weges von Deutschland nach Holland kein einziges Wort gesprochen hat. Und ob das erste dann tatsächlich die Bitte nach einer Tasse Tee war, wird sich wohl auch nicht zweifelsfrei belegen lassen. Allerdings ist es sicher möglich, dass er ziemlich bald nach seiner Ankunft beim Grafen Bentinck um Tee gebeten hat. Und die schottische Hausdame wird es wohl ebenfalls gegeben haben. Den Whiskey im Tee wird man ihr sicher auch zutrauen. Gut möglich, dass sich dadurch auch die Laune des ehemaligen Kaisers wieder gebessert hat.

Fazit

Mal völlig unabhängig von den Grauen eines Krieges und den individuellen politischen Meinungen, die Angst und Unsicherheit eines Menschen, der gerade noch der mächtigste Mann in seinem Lande war und im nächsten Moment fliehen muss um nicht gefangen genommen oder gar getötet zu werden, kann wohl jeder nachvollziehen. Verständlich also, dass Wilhelm bei seiner Ankunft in Holland nicht in bester Stimmung war. Umso mehr, da sich sein Exil im trüben Novembergrau präsentierte.

Für viele von uns bedeutet, besonders auch an dunklen Herbsttagen, eine heiße Tasse Tee Geborgenheit pur. Verständlich also, dass sich der ehemalige Kaiser genau dies wünschte, als er in seinem neuen Zuhause ankam. Nach all dem, was er in den Tagen davor durchgemacht hatte, sehnte er sich wohl nach etwas Wärme und Halt.

Sicher haben viele schon einmal eine Situation durchgestanden, an deren Ende sie sich nach einer heißen Tasse Tee sehnten. Sie wollten sich in aller Ruhe setzten, die Hände an der heißen Tasse wärmen, den wohligen Duft und den vertrauten Geschmack genießen und zu spüren, wie der Tee Schluck für Schluck auch den Bauch wärmt. So kann man herrlich entspannen, neue Kräfte und auch neuen Mut sammeln. Selbst als entmachteter Kaiser.

 

Bildnachweis: Kaiser Wilhelm und die Revolution © steschum – Fotolia.com

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