Goethe und die unehrenhafte Dame


Johann Wolfgang von Goethe zählt bis heute unumstritten zu den größten deutschen Dichtern und Schriftstellern. Seine Werke gehören seit jeher für unzählige Schüler zur Pflichtlektüre. Kein Theater, das etwas auf sich hält, kommt darum herum, auch eines seiner Stücke zu inszenieren, egal, ob im Original oder in einer moderneren Form.

Goethe und die unehrenhafte Dame

Es ist allerdings auch bekannt, dass Goethe einen, für die damalige Zeit, sehr zweifelhaften Lebenswandel hatte. Er war quasi so eine Art „Popstar“ seiner Zeit und diesen Promistatus wusste er vor allem bei der Damenwelt bestens zu nutzen. Und er machte noch nicht einmal ein großes Geheimnis um seine Vorliebe für schöne Frauen. Dabei war es Goethe auch absolut egal, wenn die Angebetete beispielsweise deutlich jünger oder vielleicht sogar verheiratet war.

Nun möchte man dem großen Meister selbst seine Eskapaden verzeihen. Besser trifft es wohl, wenn man behauptet, dass man im wahrsten Sinne des Wortes darüber hinweg sah. Goethe galt stets als gern gesehener Gast mit hohem Unterhaltungswert. Was seine Bettgeschichten betraf, tat man einfach so, als wüsste man von nichts.

Bei den betroffenen Damen allerdings, war man keineswegs so großzügig. Sie hatten schnell den Ruf einer „Schlampe“, umso mehr, wenn ihre Abendteuer mit Goethe nicht ohne Folgen blieben. Schließlich gehörte es sich einfach nicht, sich auf einen Mann einzulassen, ehe man mit ihm verheiratet war. Tat man es doch, war man schlichtweg eine unmoralische Person, die es zu meiden galt. Einem Mann, vor allem Goethe konnte man da seine Verführungskraft nachsehen, einer Frau allerdings keinesfalls die Schwäche, dieser Kraft nachgegeben zu haben.

So traf es auch Christiane Vulpius. Sie war zunächst heimliche Geliebte Goethes, nahm aber auch schnell einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen ein und wurde zu seiner großen Liebe. Da sie aber einen unehelichen Sohn hatte, war sie in der Gesellschaft geächtet. Dass dieses Kind ebenso Goethes uneheliches Kind war und Goethe seine Christiane später doch noch heiratete, spielte bei den engen Moralvorstellungen keine Rolle.

Als Ehefrau Goethes stand es ihr aber nun zu, ebenso zu den festlichen Anlässen bei Goethes Freunden eingeladen zu werden, wie er selbst. Die feinen Damen waren entsetzt, dass sie sich ab sofort mit „so einer Person“ abgeben sollten. Der Legende nach war es ein Fräulein von Göchhausen, die meinte „Nun, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, so können wir ihr wenigstens eine Tasse Tee geben.“

Legende oder Wahrheit?

Die Geschichte von Goethe und seiner großen Liebe Christiane Vulpius ist nicht nur gut bekannt, sondern auch gut dokumentiert. Und nach den Moralvorstellungen der damaligen Zeit, ist es auch sehr wahrscheinlich, dass eine Heirat mit dieser Frau und damit ihre Einführung in die Gesellschaft, einen großen Skandal ausgelöst haben.

Tee war und ist ein Zeichen der Gastfreundschaft. Tee trinkt man nur mit willkommenen Gästen, jemandem eine Tasse Tee zu reichen zeigt somit auch, dass dieser Gast geschätzt wird, dass er mindestens ebenbürtig ist. Ein besonders guter Gastgeber versteht es sogar, seinen Gästen das Gefühl zu vermitteln, wahrhaft königlich zu sein und sie regelrecht zu verwöhnen. Goethe wurde sicher stets der beste Tee gereicht, einer Frau, die unehelich ein Kind bekommen hatte, stand dies aber sicher nicht zu.

Fräulein von Göchhausen galt für ihre Zeit als recht fortschrittlich denken und nachdem, was in den historischen Dokumenten über sie überliefert ist, kann man ihr eine solche Aussage durchaus zutrauen. Wenn Goethe diese Frau so sehr schätzte und liebte, dass er sie sogar heiratete, dann stand es dem Rest der Gesellschaft nicht zu, sie zu verurteilen. So mag Fräulein von Göchhausen die Situation wohl gesehen haben. Schließlich war es in der Regel so, dass selbst die Männer, die die Frauen ohne Trauring verführt hatten, jeglichen Respekt vor ihnen verloren, eben weil sie ihrem Drängen nachgegeben hatten.

Fazit

Eine simple Tasse Tee war für die ganze damalige Gesellschaft das Zeichen, das Christiane Vulpius ihr Fehltritt und ihr uneheliches Kind doch verziehen wurden und sie sich ab sofort in den höheren Kreisen als Gleichberechtigte bewegen durfte. Eine simple Tasse Tee entschied über Gnade oder Ungnade. Eine simple Tasse Tee war damals ein solch eindeutiges Signal, dass über die ganze Situation nicht einmal mehr geredet werden musste. Die feinen Damen mussten Christiane Vulpius keine Vorhaltungen machen und sie wiederum musste sich nicht entschuldigen. Mal abgesehen davon, dass die meisten damals sich ohnehin nicht getraut hätten, die Dinge beim Namen zu nennen, eine simple Tasse Tee löste dieses Problem einfach und elegant.

 

Bildnachweis: Tee und Liteatur ©Thinkstock: iStockphoto

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