Die eingeladenen Kleider


Ikkyū Sōjun gehört zu den bedeutendsten Zen-Meistern. Wie viele seiner Riege war er ebenfalls ein Dichter und verfasste wunderbare Werke die zum Teil bis heute überliefert sind. Doch noch weit bedeutender war wohl seine Beteiligung an der Entwicklung der japanischen Teezeremonie. Auch diese wird noch in unseren Tagen nahezu unverändert durchgeführt und spendet so selbst den Stress geplagten Menschen unserer Zeit, Ruhe, Besinnung und Meditation mit den köstlichsten Tees.

Die eingeladenen Kleider

Ikkyū war bekannt für seine Liebe zur Schlichtheit. Wie bei der Teezeremonie, so legte er auch in seinem alltäglichen Leben die oberste Priorität auf klare Linien, Einfachheit und möglichst wenig Schnörkel. Egal, ob Ikkyū einen Garten anlegte oder sich seine Kleidung anzog. Alles war so rein, dass andere es wohl eher als nüchtern, vielleicht sogar langweilig bezeichnen würden. Aber nur so, so war der Zen-Meister überzeugt, könne man ohne Ablenkung Meditieren und Ruhe finden.

So einflussreich und bekannt, wie Ikkyū bereits zu Lebzeiten war, war es naheliegend, dass er bei der hohen Gesellschaft ein gern gesehener Gast war. Gerne lauschte man seinen Weisheiten und sicher nutze man seine Person auch, um vor seinen Gästen anzugeben. Selbst zu einem Bankett beim Kaiser wurde der Mönch eingeladen.

Wie es sich für seine Zunft gehörte und auch absolut seinem Wesen entsprach, kleidete sich Ikkyū selbst für die kaiserliche Einladung in seine ärmlichen Gewänder. Am Haupttor des Palastes jedoch, hielten ihn die Wachen auf und fragten, wer er sei und was er wolle. Auf seine Antwort, er sei Ikkyū und vom Kaiser persönlich eingeladen, reagierten die Soldaten nur mit Gelächter. Sie hielten ihn für einen Bettler und schickten ihn wieder fort.

Ikkyū ging zurück nach Hause, wo er seit Jahren ein edles Gewand aufbewahrte, das er noch nie getragen hatte. Er zog es an und lief zurück zum Palast. Bereits von weitem riefen die Wächter diesmal, dass er Ikkyū sein musste, verneigten sich tief und gewährten ihm ehrfürchtig Einlass. Im Palast selbst hatte das Bankett bereits begonnen. Der Kaiser begrüßte seinen Ehrengast voller Stolz. Doch Ikkyū setzte sich nicht, wie es sich gehört hätte. Stattdessen begann er, seine Kleider auszuziehen. Er legte sie auf seinen Platz und schickte sich an, den Palast nackt wieder zu verlassen.

der Kaiser war ebenso geschockt wie seine Gäste und fragte den Zen-Meister, was das solle. „Ich bin nur gekommen, um Ihnen meine Kleider zu bringen, denn Sie haben ja nicht mich, sondern meine Kleider eingeladen.“, war die Antwort Ikkyū’s.

Legende oder Wahrheit?

Ikkyū Sōjun lebte von 1394 – 1481, das ist zweifelsfrei durch mehrere historische Dokumente belegt. Und auch die Art und Weise, wie er sein lebte, gilt als gesichert. Bis heute zählt er zu den einflussreichsten, wenn nicht sogar als der populärste Zen-Meister überhaupt. Gerade wegen ihrer fabelhaften Geschichten waren und sind die Zen-Mönche bis heute so beliebt. Sie hatten eine besonders feine Art, den Menschen eher über ein zum Teil sogar provokantes Handeln Dinge näher zu bringen. Sie diskutierten nicht ewig mit ihren wissbegierigen Zuhörern und sie versuchten auch nicht mühselig ihnen irgendwelche geistreichen Zusammenhänge zu erklären. Statt dessen suchten sie einen Weg, durch ihr Verhalten ihre Schüler so zu schocken oder wenigstens wach zu rütteln, dass diesen dadurch von alleine die Antwort auf ihre Fragen einfiel.

Sicher hätte Ikkyū dem Kaiser erzählen können, dass seine Wachen ihn in seiner normalen Mönchskleidung abgewiesen hatten. Aber wahrscheinlich wären dann nur die Wachen bestraft worden und dem Kaiser wäre kaum bewusst geworden, dass seine Soldaten so handelten, weil er es ihnen so vorlebte. Sich vor dem Kaiser und seinen Gästen zu entkleiden und dem Herrscher auch noch vorzuwerfen, es ginge ihm nicht um seine Gäste, sondern um deren Kleidung ist ungeheuerlich und ein x-beliebiger Gast wäre sicher hart dafür bestraft worden. Ikkyū allerdings ist es tatsächlich zuzutrauen, dass er den Mut dazu hatte und der Kaiser ihm diese Bloßstellung durchgehen ließ.

Fazit

Das Äußere ist das erste, was wir von einem Menschen wahrnehmen. Wir können in diesem Moment noch nichts über seinen Charakter sagen. Wir haben nur die Möglichkeit, seine Kleidung und sein Aussehen mit unseren Erfahrungen abzugleichen und unser Gegenüber dadurch einordnen. Das ist ein automatischer Prozess, der in Sekundenschnelle in unseren Köpfen abläuft, ohne dass wir ihn groß beeinflussen können.

Dennoch sollten wir uns die Mühe machen und trotzdem bewusst offen und möglichst unbefangen auf jemanden zugehen um ihm die Chance zu geben, unsere erste Meinung zu ändern. Die hat sich, sicher zu Ikkyū’s Leidwesen, bis heute nicht geändert.

 

Bildnachweis: Teezeremonie ©Thinkstock: iStockphoto

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