Der Professor und der Zen-Mönch


Ein sehr kluger Professor mit zahlreichen hohen Auszeichnungen beschloss eines Tages, sein ohnehin schon umfangreiches Wissen nochmals zu erweitern. Er hatte, wie viele andere auch, gehört, dass die Zen-Mönche in ihren abgelegenen Klöstern oft über erstaunliche Kenntnisse und Weisheit verfügten. Sie verbrachten ihre Tage mit Meditation, dem studieren zahlreicher Schriften, dem Beobachten der Natur und natürlich mit Tee trinken.

Der Professor und der Zen-Mönch

Durch festgelegte Tagesabläufe verbrachten diese Mönche ihr ganzes Leben damit, alte Weisheiten zu lernen, darüber nachzudenken und schließlich ihre eigenen Erfahrungen damit zu verarbeiten. Wenn jemand also diesem hochgelehrten Professor noch etwas beibringen könnte, dann also nur ein Zen-Mönch.

Der Professor macht sich auf den Weg zu einem der abgelegenen Klöster. Ein weiter und oft auch beschwerlicher Weg führte ihn durch die Berge, aber die Erweiterung seines Wissens war ihm alle Anstrengungen wert. Als er schließlich angekommen war, fragte er nach dem ältesten und weisesten Mönch, der in diesem Kloster lebte. Man führte ihn zu dem Zen-Meister dieses Kloster und der Professor stellte sich höflich vor. Selbstverständlich versäumte er es nicht, stolz sämtliche seiner Titel und Auszeichnungen mit aufzuzählen. Schließlich war er sehr stolz darauf und er wollte auch nicht, dass der Zen-Meister ihrer beide Zeit mit Banalitäten verbrachte, die ihm ohnehin schon bekannt waren.

Der Mönch nickte seinem Gast höflich zu, bot ihm einen Platz an und fragt ihn, ob er eine Tasse Tee möchte. Der Professor nahm dankend an. Der weise Alte nahm die Teekanne und begann dem Professor einzugießen. Doch als die Tasse bereits voll war, stoppte er nicht etwa. Statt die Kanne wieder abzusetzen, goss er weiter ein. Der Tee lief bereits über die Tasse, über den ganzen Tisch und tropfe sogar auf den Boden.

Sehr überrascht, aber auch etwas ungehalten fuhr der Professor den Zen-Meister an: „So hört doch auf! Seht ihr denn nicht, dass die Tasse längst voll ist? Es passt nicht mehr Tee hinein!“ Da lächelte der Mönch sanft, stellte die Teekanne endlich wieder ab und erwiderte seinem Gast: „Genau wie diese Tasse seit auch ihr voll! Voll mit Wissen und Vorurteilen. Ihr müsst erst eure Tasse leeren, um etwas Neues zu lernen!“

Legende oder Wahrheit?

Dieser Mythos vom Professor und seinem Besuch bei dem Zen-Meister ist sehr allgemein formuliert. Weder finden sich irgendwelche Zeitangaben, noch werden die Namen der beiden genannt. Noch nicht einmal Ortsnamen finden sich, oder wenigstens regionale Eingrenzungen oder ein Hinweis darauf, um welches Kloster es dabei ging. Aber gerade all diese fehlenden Informationen, die in der Regel äußerst wichtig sind, um den Wahrheitsgehalt einer so alten Geschichte zu überprüfen, könnten ein Hinweis darauf sein, dass sie tatsächlich nicht einfach nur erfunden ist.

Was sicher erst einmal wie ein sehr großer Widerspruch klingt, hat einen ganz einfachen Hintergrund. Diese Legende könnte genau deshalb so allgemein formuliert sein, weil sie quasi allgemeingültig ist! Es gab eine Zeit, da war es absolut keine Besonderheit, dass Ratsuchende oder Wissbegierige sich auf den Weg in ein Kloster machten um dort von den Mönchen eine Antwort auf all ihre Fragen zu bekommen. Egal, ob sie verzweifelt waren und nicht wussten, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte, oder ob sie „einfach nur“ die Erleuchtung suchten, Zen-Mönche galten als sehr weise Lehrmeister, die selbst auf die auswegloseste Situation noch eine spirituelle Antwort wussten.

Und der Tee spielte dabei stets eine zentrale Rolle. Im Leben der Mönche war er wichtiges Hilfsmittel bei ihren stundenlangen Meditationen und ein Zeichen von Gastfreundschaft war er ohnehin. Naheliegend, dass die Mönche also auch mit Hilfe von Tee ihre Antworten und Rückschlüsse verdeutlichen und bildlich darstellen wollten.

Fazit

Es ist also wirklich nicht nur möglich, dass es genau diesen einen Professor und diesen einen Zen-Mönch gab. Viel eher kann man davon ausgehen, dass sich eine Geschichte so oder wenigstens so ähnlich öfter und sogar in verschiedenen Klöstern in verschiedenen Regionen, zugetragen hat. Auch heute wissen wir, dass wir Dinge, die wir nicht nur gehört oder gelesen, sondern auch gesehen haben, viel besser behalten und uns auch Jahre später noch merken können.

Und wir wissen auch, dass man häufig erst dazu bereit sein muss, etwas Neues zu lernen oder sich dem Unbekannten gegenüber zu öffnen. Jemand, der so großen Wert auf Leistungen seiner Vergangenheit legt, wie der Professor in unserer Geschichte, scheint wirklich nicht sehr aufgeschlossen zu sein.

 

Bildnachweis: Kloster © Kovalenko Inna – Fotolia.com

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