Der letzte Guru


Eines Tages beschloss ein Mönch sein Kloster zu verlassen und stattdessen den Rest seines Lebens auf Pilgerreise zu verbringen. Er teilte seinem Klostervorsteher seine Entscheidung mit, dass er hier nichts mehr lernen können und stattdessen neue Erfahrungen und Kenntnisse außerhalb der Klostermauern sammeln müsse. Er verabschiedete sich von seinen Mitbrüdern, schnürte seine Habseligkeiten und machte sich auf den Weg.

Der letzte Guru

Je länger der Mönch auf Reisen war, desto mehr seiner Besitztümer musste er verkaufen. Im Kloster war es ihm selbstverständlich untersagt gewesen Reichtümer anzuhäufen. Sein weniges Geld ging schnell zur Neige und wenn er sich etwas zu essen kaufen wollte, musste er entweder dafür arbeiten, oder etwas von seinen Dingen verkaufen, das er entbehren konnte.

So wurde sein Gepäck, das er mit sich herumtrug immer weniger. Irgendwann war seine alte Teekanne aus Ton alles, was ihm noch geblieben war. Eines Tages kam er an einen Fluss und musste feststellen, dass die Brücke kaputt war. Wenn er an das andere Ufer wollte, blieb ihm keine andere Wahl, als den Fluss zu Fuß zu durchqueren.

Mit der einen Hand hielt er seine Gewänder hoch, in der anderen seine Teekanne fest umschlossen. Doch das Wasser des Flusses war hoch und spritze. Während der Mönch versuchte, auf den rutschigen Steinen nicht das Gleichgewicht zu verlieren, glitt ihm die Teekanne aus den Händen.

Der Mönch lief das Ufer des Flusses ab und hoffte, seine Kanne wieder zu finden. Schließlich sah er zwischen ein paar Steinen Tonscherben, die er eindeutig als seine geliebte Teekanne identifizierte. Der Mönch blickte auf die Bruchteile seines zerschlagenen Besitztums und sagte: „Diese Teekanne war mein letzter Guru.“

Legende oder Wahrheit?

Es war nichts außergewöhnliches, dass ein Mönch irgendwann im Laufe seines Klosterlebens beschloss, auf Pilgerreise zu gehen. Auch heute noch ist dies üblich. Und dass er sich auf dieser Reise seinen Lebensunterhalt verdienen muss, versteht sich auch von selbst. Dazu könnte man zum einen Betteln, was aber nicht wirklich in zu der Lebensphilosophie eines Zen-Mönches passt. Er wird also immer versuchen, für sein Essen zu arbeiten oder zumindest ein wertgleiches Gegenstück dafür zu geben.

Eine Teekanne allerdings ist für jeden Mönch eines der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Alltagsgegenstand überhaupt. Ein Mönch, der keinen Tee trinkt, ist kein Mönch mehr. Nicht nur, dass Tee ohnehin das Getränk ist, das in seiner Heimat von jedem täglich in großen Mengen getrunken wird. Vor allem als Mönch, hält er regelmäßig Teezeremonien ab, um zu Meditieren und um wieder zu sich selbst zu finden. Nur ein Mönch, der in sich selbst ruht, kann auch tatsächlich Ratsuchenden wertvolle Hilfe leisten.

Während seiner Meditationen lernt ein Mönch viel über sich selbst, über das Leben und über alles mystische. Ohne Tee wären diese stundenlangen Meditationen aber gar nicht durchzuhalten. So gesehen kann man also tatsächlich sagen, dass die Teekanne für jeden Mönch eine Art Guru ist, ein Lehrmeister, der selbst dann noch etwas zu erzählen hat, wenn die Bücher längst aufgehört haben.

Es ist zwar alles andere als bewiesen, aber immerhin vorstellbar, dass sich diese Geschichte zumindest auf recht ähnliche Art so zugetragen hat. Sie macht auf ganz besondere Weise deutlich, wie eng das Verhältnis eine Mönchs zu seiner Teekanne sein konnte.

Sicher war so eine Kanne, vor allem, wenn es die eines Mönchs war, sehr einfach und schlicht. Ohne Prunk und Schnick Schnack, ohne reiche Verzierungen, einfach nur aus Ton. Aber sie war täglich da, von früh bis spät. Sie bereitete und bewahrte den Tee für den Mönch. Den Tee, dem er so viele wertvolle Erkenntnisse zu verdanken hatte. Den Tee, der ihn täglich wärmte und seinen Durst stillte. Wenn man möchte, kann man dies wirklich damit vergleichen, was ein Guru für seine Schüler tut.

Fazit

Auf den ersten Blick scheint es, gerade für einen Mönch, doch recht unpassend zu sein, eine Teekanne so zu vermenschlichen, sie sogar als Gelherten zu bezeichnen, von dem jemand, wie ein hochgebildeter Mönch noch etwas lernen kann. Denkt man aber an den Tee, der daraus getrunken wurde und vor allem an dessen Wirkung, ist die Reaktion des Mönchs doch wieder nachvollziehbar. Manchmal braucht es eben keine schlauchen Bücher oder kluge Weisheiten anderer. Manchmal müssen wir „einfach“ nur in uns hineinhören, um Antworten auf unsere Fragen zu finden.

 

 

Bildnachweis: Teekanne © lily – Fotolia.com

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