Der herrschsüchtige Wu Sangui


In der chinesischen Provinz Yunnan im Südwesten des Landes, wird scheinbar seit ewigen Zeiten Tee angebaut. Naheliegend, dass besonders viele Mythen, die sich um Tee ranken, ihren Ursprung in eben dieser Region haben, deren Name übersetzt auch schon fast wie ein Mythos anmutet. Yunnan bedeutet nichts anderes als „Südlich der Wolken“.

Der herrschsüchtige Wu Sangui

Die Hauptrolle in einer dieser uralten Geschichten spielt ein besonders großer Teebaum, der der Sage nach mehr als Meter hoch gewesen sein soll. Er stand im Osten Yunnans, genauer gesagt im Kreis der Stadt Luliang. Und die Größe soll noch lange nicht das einzige imposante an diesem Baum gewesen sein. Sein dicker Stamm zeugte von der Stärke dieser Pflanze und jedes Frühjahr war seine Krone über und über mit den wunderschönsten, duftenden Blüten übersät.

Der Legende nach trugen sich die folgenden Ereignisse am Beginn der Qing- oder auch Mantschu-Dynastie zu. Diese Dynastie löste die Herrscher der berühmten Ming-Dynastie ab und war die letzte vor dem Beginn der Volksrepublik China 1912. Mandschu gründete diese letzte Dynastie zwar bereits 1616, mit dem Kaisertitel konnten sich ihre Herrscher aber erst ab 1644 schmücken.

Nachdem dem Untergang der Ming-Dynastie schlug sich Wu Sangui, der zu dieser Zeit in Luliang herrschte, auf die Seite der Qing-Herrscher. Er tat dies wohl nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern viel mehr aus der Hoffnung heraus, seine Macht könnte wachsen, wenn er die letzten verbliebenen Ming-Herrscher bekämpft. Tatsächlich wurde sein Einfluss mit der Zeit immer größer, schon bald war er Stadthalter Yunnans und wurde sogar mit dem Fürstentitel geadelt. Seine Machtgier gipfelte schließlich darin, dass er seine eigene Dynastie ausrief, was aber langfristig ohne Erfolg war.

Auf dem Gipfel seines Machtrausches ließ Wu Sangui einen Palast für sich auf dem Wuhuashan-Berg erreichten. Besonders viel Wert legte er dabei auf den Garten. Als Symbol für seinen Einfluss sollten dort die seltensten Blumen und Pflanzen wachsen. So ordnete er auch an, dass dieser „König der Teebäume“ von nun an in seinem Garten stehen sollte und der riesige Teebaum wurde tatsächlich ausgegraben und verpflanzt.

Doch in Wu Sanguis Garten war der Baum zwar noch voller saftiger Blätter, doch ganze drei Jahre lang wollte sich keine einzige Blüte an ihm zeigen. Aus Wut darüber wollte der machtgierige seinen Gärtner hinrichten lassen, doch noch bevor er den Befehl dazu gab, erschien ihm im Traum die Teefee. Der Sage nach sang sie ihm folgendes Lied.

„Sangui, Sangui, wach auf,

Schuld trägt nicht der Gärtner, sondern du allein!

Du bist niederträchtig,

Deine Krone ist mit Blut beschmiert,

Es gärt im Volk, Unglück wird auf dich warten.“

Mit Angstschweiß auf der Stirn schreckte Wu Sangui aus dem Schlaf auf und unterhielt sich mit seinem Berater über diese Erscheinung. Dieser drängte seinen Gebieter den Baum an seinen ursprünglichen Ort zurückbringen zu lassen. Andernfalls, so war er überzeugt, würde großes Unheil drohen.

Legende oder Wahrheit?

Es ist geschichtlich belegt, dass Wu Sangui lebte und auch tatsächlich so machtbesessen und herrschsüchtig war, wie in diesem Mythos beschrieben. Allerdings erscheint es etwas unwahrscheinlich, dass ein Baum von solch einer Größe so einfach verpflanzt werden konnte. Falls doch, wäre es kein Wunder, warum er keine Blüten mehr hatte und zu leiden schien.

Was die Teefee betrifft, so man Wu Sangui vielleicht doch sein schlechtes Gewissen geplagt haben, Vielleicht erschien ihm der nicht mehr blühen wollende Baum Tag für Tag als Mahnmal in seinem Garten zu stehen. Ein Mahnmal dafür, dass er sich Dinge aneignete, auf die er keinen Anspruch hatte.

Fazit

Egal, ob Sangui sein Gewissen plagte oder nicht, auch egal, ob es diesen Baum überhaupt jemals tatsächlich gab, diese Geschichte ist typisch für ihre Zeit. Die einfache Bevölkerung hatte damals ganz besonders unter den Launen und Machtspielchen der Herrscher zu leiden. Sie hegten die Hoffnung, dass es noch höhere Mächte gab, die die Regierenden in ihre Schranken wiesen und ihnen ihre Fehler verdeutlichten.

Ob Wunsch der Geknechteten oder Tatsache, aus solchen Legenden kann man herrliche Lehren ziehen und dieser Mythos ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass die Natur ihren eigenen, gerechten Weg geht. Sangui hatte diesen wundervollen Baum in all seiner Pracht nicht verdient und deshalb blühte er auch nicht in dessen Garten.

 

Bildnachweis: Der herrschsüchtige Wu Sangui © Lukas Hlavac – Fotolia.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.