Der berühmte Kalligraph Zheng Banqiao und der Abt


Während der Quing-Dynastie lebte und studierte der berühmte Kalligraph Zheng Banqiao in Zhenjiang, heute eine bezirksfreie Stadt, südwestlich in der Provinz Jiangsu in China gelegen. Eines Tages beschloss er, den Jinshan-Tempel, der bis zum heutigen Tage zahlreiche Touristen anzieht, zu besuchen. Er wollte sich dort von den Kalligraphien anderer Meister inspirieren lassen.

Der berühmte Kalligraph Zheng Banqiao und der Abt

Der Abt, der damals dem Tempel vorstand, war bekannt dafür, dass er die Menschen sehr nach ihrem gesellschaftlichen Stand behandelte und beurteilte. Als er die ärmliche Kleidung Zheng Banqiaos sah, sah er keinen Grund besonders höflich und zuvorkommend zu sein. So sagte er nur kurz „Nimm Platz!“, das nötigste, was zu sagen war, um dem Gast wie es sich gebührte Tee servieren zu können. Und auch dem anwesenden Mönch befahl er nur kurz „Tee!“.

Als er jedoch erfuhr, dass der Gast ein Landsmann von ihm war, besserte sich sein Umgangston. Schön wesentlich höflicher bot er dem Kalligraphen an: „Nehmen Sie doch Platz!“ und auch dem Mönch sagte er nun „Den Tee überreichen!“

Zheng Banqiao gab sich schließlich zu erkennen und nannte den Grund für seinen Besuch. Und nun war der Abt ganz aus dem Häuschen. „Nehmen Sie bitte den Ehrenplatz!“ forderte der Geistliche seinen Besucher voller Ehrfurcht auf und den Mönch bat er schließlich „Den duftenden Tee überreichen!“.

Als sich Zheng Banqiao schließlich verabschiedete bat ihn der Abt noch schnell ihm eine seiner Kalligraphien zu schenken. Der Künstler erfüllte ihm diesen Wunsch mit zwei einfachen Zeilen:

„Nimm Platz, nehmen Sie Platz, nehmen Sie den Ehrenplatz!

Tee, den Tee überreichen, den duftenden Tee überreichen!“

So als Spruchpaar zusammen gefasst bedeuten diese kurzen Zeilen in der chinesischen Kultur Ironie pur. Spitzer hätte es Zheng Banqiao nicht formulieren können.

Legende oder Wahrheit?

Das Leben und die Werke von Zheng Banqiao sind ausreichend belegt und dokumentiert. Sein ursprünglicher Name war Zheng Xie und er lebte von 1693 bis 1765. Er wuchs in sehr armen Verhältnissen auf und diese Wurzeln vergaß er nie. Auch, als er als Beamter Karriere machte und schließlich die Position des Magistrats in der Provinz Shandong erhielt. Nach zwölf Jahren in seinem Amt war sein Mitgefühl für die Leiden und Qual der armen Bevölkerung so stark, dass er sich fragte, welchen Sinn sein eigenes Leben hatte, wenn er dagegen nichts unternahm.

Schließlich kam er zu dem Entschluss, dass das Leben als Regierungsbeamter für ihn nicht der richtige Weg war. Er legt seine Ämter nieder und begann zu Zeichnen und wundervolle Kalligraphien anzufertigen. Damit erzielte er einen solch großen Bekanntheitsgrad, dass er bis heute nicht vergessen ist.

Dieser Teil des Mythos ist also ganz sicher war. Aber wie steht es mit der Begebenheit im Jinshan-Tempel? Zheng Banqiao war bekannt dafür, dass ihm das Schicksal der Ärmeren am Herzen lag. Er hatte sein eigenes Leben in Wohlstand aufgegeben, weil es ihm nicht richtig erschien. Nachzuvollziehen, dass ihm das Verhalten des Abtes sehr missfiel. Gerade als Geistlicher wäre es dessen Aufgabe gewesen, als Menschen ohne Vorurteile und völlig wertfrei zu behandeln. Also durchaus gut vorstellbar, dass Zhen Banqiao zum Endes seines Besuchs im Tempel die überlieferten Zeilen schrieb um dem Abt sein eigenes Fehlverhalten vor Augen zu führen, oder wenigstens um ihn dafür zu beschämen.

Fazit

Die Verhältnisse zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten waren wohl noch nie ganz gerecht. Weder in China noch sonst irgendwo. Und weder zu irgendeiner früheren Kulturzeit, noch heute. Es gab und gibt schon immer Menschen, die sich für etwas Besseres halten und Menschen, die der Meinung sind, wohlhabendere sollten besser behandelt werden. So ist es auch gemeinhin bekannt, dass bei einer chinesischen Teezeremonie nicht jeder Gast den gleichen hochwertigen Tee bekam und bekommt. Bis heute ist die Qualität des Tees ein eindeutiges Symbol, wie hoch die Wertschätzung des Gastgebers für seinen Gast ist.

Gut zu wissen, dass es ebenso wohl auch schon immer Menschen gab, die dafür eintraten, diesen Spalt zwischen reich und arm zu verkleinern und die Grenzen zu überwinden. Die beiden Zeilen Zheng Banqiaos halten jedem bis heute vor Augen, wie sich unser Umgangston von gerade noch höflich bis hin zu fast schon anbiedernd verändern kann, nur weil wir unser Gegenüber mal als wertlos sehen und mal als sehr bedeutend und einflussreich erkennen. Jeder sollte für sich selbst überlegen, wie korrekt das eigene Verhalten dabei ist.

 

Bildnachweis: Zheng Banqiao und der Abt © enote – Fotolia.com

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