Russische Winter sind bekannter Masen nicht nur extrem kalt, sondern auch sehr lange. Was liegt da näher, als jede Menge heißen Tee zu trinken, um sich wieder zu wärmen und die Kälte aus den Knochen zu vertreiben? Teetrinken gehört in Russland bereits so lange uns selbstverständlich zu jedem Haushalt, dass man auch hier von einer richtigen Teekultur sprechen kann. Dabei gibt es zahlreiche Parallelen und Gemeinsamkeiten mit den Traditionen in der Türkei.

Geschichte der Zeremonie: Varianten der Zubereitung des Tees

Dank seiner geographischen Lage, kann Russland als eines des wenigen Länder außerhalb Asiens Tee über den Landweg beziehen. Bereits im 17. Jahrhundert breitete sich die Gewohnheit Tee zu trinken, von der Mongolei ausgehend in Russland aus. Allerdings wurde Tee zunächst nur im Zarenhaus und von der Bevölkerung Moskaus geschätzt. Diese handelten sich dadurch nicht sehr schmeichelhafte Spitznamen wie "Wassersäufer" ein. Es dauerte bis ins 19. Jahrhundert, bis sich Tee auch im übrigen Russland durchsetzte und sogar zum Alltagsgetränk wurde.Zur Zubereitung des Schwarztees wird in Russland klassischer Weise ein sogenannter Samowar verwendet. Wörtlich übersetzt bedeutet Samowar der "Selbstkocher" und dieser Begriff beschreibt bereits ganz gut, wie diese Teemaschine funktioniert. Ein Kupfer- oder Bronzekessel wird traditioneller Weise mit Kohle beheizt. Heutzutage finden sich aber auch zahlreiche elektrische Modelle. Oben auf dem Samowar steht die sogenannte Tscheinik, eine kleine Kanne, in der sehr stark konzentrierter Tee gekocht wird. Im Samowar selbst befindet sich heißes Wasser mit dem das Teekonzentrat nach individuellen Vorlieben entsprechend verdünnt werden kann. Dazu gibt man zunächst etwas starken Tee in ein Teeglas. Im Anschluss füllt man ganz bequem Wasser mit einem Abflusshahn aus dem Samowar nach. Beim Teekochen im Samowar werden ganze Teeblätter verwendet und vor der eigentlichen Zubereitung des Tees ist es unbedingt notwendig, diese Blätter mehrmals zu waschen. Staub und oberflächlich abgelagerte Stoffe würden den Tee extrem schnell trüben und so auch ungenießbar machen. Wie in diesen Breitengraden üblich, wird auch in Russland Tee am liebsten ohne Milch oder Sahne, dafür aber sehr süß getrunken. Für uns wohl recht ungewöhnlich und im ersten Moment vielleicht auch irritierend, wird Tee in Russland allerdings nicht mit Zucker, sondern löffelweise mit Marmelade gesüßt. In einigen entlegeneren Gebieten Russland wird der Tee jedoch etwas anders zubereitet. In der Mongolei orientiert man sich eher an der tibetischen Teezeremonie. Getrunken wird grundsätzlich grüner, zu Ziegeln gepresster Tee, der mit Milch und Fett von Rindern, Schafen oder auch mit Yakfett veredelt wird. Zudem mischen die Mongolen gerne geröstete Cerealien wie Mehl, oder auch ganze Reis- und Weizenkörner in ihren Tee. Mit einer Prise Salz wird diese Mischung mehrere Minuten gekocht und ähnelt so mehr einer Suppe als einem Tee. Die Georgen bevorzugen es dagegen, zunächst die leeren Teekannen zu erhitzen, die Teeblätter einige Zeit darin zu rösten und den Tee sobald das heiße Wasser in die Teekanne kommt, nur wenige Minuten ziehen zu lassen.

Der Ablauf der Teezeremonie

Einen geregelten Ablauf zum Teetrinken gibt es in Russland nicht. Lediglich die Zubereitung des Tees geschieht meist nach der alten Tradition. Das Trinken selbst dient in Russland in erster Linie der Geselligkeit und dem Zweck sich aufzuwärmen. Aus diesem Grund gibt es keine festen Regeln beim Servieren und auch beim eigentlichen Genuss des Tees. Einen spirituellen Hintergrund wie in Asien hat das Teetrinken in Russland nicht. Dabei ähneln die Russen mehr den westlichen Kulturen.

Teegeschirr und Zubehör

Die größte Besonderheit am russischen Teegeschirr ist eindeutig der Samowar. Er gilt in Russland als eine Art Nationalsymbol und darf in keinem Haushalt fehlen. Wohl niemand würde in Russland auf die Idee kommen, Tee anders zuzubereiten. Davon abgesehen bevorzugen die Russen nach wie vor das Teeglas vor der Tasse. Beides Punkte, in denen die russische Teetradition der türkischen gleicht.

Bedeutung der Teezeremonie

Sicher gibt es selbst in Russland nicht nur frostige Tage an denen ein kalter und eisiger Wind über das Land zieht. Aber genauso wenig lässt sich bestreiten, dass russische Winter der Inbegriff von eisiger Kälte und extremen Bedingungen sind. Gut, wenn man dann jederzeit eine gute Tasse, oder besser, ein gutes Glas heißen Tee griffbereit hat. Thermoskannen sind eine Erfindung der neueren Zeit. Wollte man bereits in den vergangenen Jahrhunderten verhindern, dass Tee wegen extrem langer Ziehzeiten ungenießbar bitter wird, war eine Zubereitung im Samowar die einzige Möglichkeit. Das Konzentrat war die ganze Zeit verfügbar, ebenso wie das heiße Wasser und beides konnte man über den ganzen Tag verteilt nach Belieben mischen und jederzeit genießen. Wann immer man sich aufwärmen und in geselliger Runde beisammen sitzen wollte. Auch wenn der Lebensstil in Russland sicher zunehmend westlicher wird, es gibt Traditionen, die gerne beibehalten werden und Schwarztee und Grüntee aus dem Samowar gehört sicher dazu. Wetterbeständige Funktionskleidung und moderne Heiztechnik können kein gutes Gespräch bei einem Glas dampfendem Tee ersetzen und lässt letzte Hemmungen fallen.Bildnachweis: Russische Teekultur - © Aleksey Kozin - Fotolia.com

Russischen Tee aus dem Samowar zubereiten

Der russische Tee ist untrennbar mit dem Samowar verbunden – einem dekorativen Metallgefäß, das ursprünglich mit Holz- oder Holzkohle beheizt wurde und Wasser auf Siedetemperatur hält. Traditionelle russische Teezubereitung: Im oberen Gefäß (Zavarka-Kanne) wird ein sehr starker Schwarztee gebrüht – 3–4 Teelöffel auf 200 ml Wasser, 10–15 Minuten ziehen. Diese hochkonzentrierte Teebasis (Zavarka) wird dann nach Geschmack mit heißem Wasser aus dem Samowar verdünnt: 1 Teil Zavarka auf 3–5 Teile Wasser für normale Stärke. Getrunken wird aus Gläsern (Podstakannik – ein Glashalter aus Metall) mit Zuckerwürfeln, die man zwischen die Zähne hält und durch den Tee saugt (Prikusk-Methode). Alternativ: Erdbeer- oder Johannisbeermarmelade (Varenye) löffelweise in den Tee – eine russische Tradition.

Russischer Tee und Gesundheit

Russland ist eine der Schwarztee-Großmächte der Welt, und die gesundheitlichen Auswirkungen dieses hohen Konsums (durchschnittlich 1,2 kg Tee pro Person pro Jahr) sind interessant. Der starke russische Schwarztee hat hohe Theaflavin-Konzentrationen, die kardioprotektiv wirken. Russische Volksmedizin schätzt Tee mit Heilkräutern (Zitronenmelisse, Pfefferminze, Lindenblüten) für Erkältungen, Fieber und Nervosität. Tee mit Varenye (Fruchtaufguss) kombiniert Polyphenole mit Vitamin C aus den Früchten. In Sibirien und der Steppe wurde Tee historisch als Wärmequelle und Kalorien-Lieferant (mit Butter oder Milch) essentiell für das Überleben in extremer Kälte. In der heutigen russischen Alltagsmedizin gilt Tee mit Honig und Zitrone als Standardmittel gegen Erkältungen.

Geschichte der russischen Teekultur: Karawanenweg und Samowar

Tee kam über den legendären „Tee-Karawanen-Weg" nach Russland – einen der längsten Handelsrouten der Geschichte, der von der chinesischen Grenze durch Sibirien bis nach Moskau und St. Petersburg führte. Die Karawanen brauchten bis zu 18 Monate für die Strecke; der Tee, der ankam, war teuer und wertvoll. Zar Alexei erhielt 1638 erste Teegaben vom mongolischen Gesandten – dies gilt als offizieller Beginn der russischen Teegeschichte. Bis ins 19. Jahrhundert war Tee ein Luxusgut der Aristokratie; nach Öffnung des Eisenbahn-Handels (Transsibirische Eisenbahn) wurde er erschwinglich für alle Schichten. Der Samowar, im Ural-Gebiet entwickelt, demokratisierte den Teegenuss: Jede Familie, auch in der ärmsten Hütte, konnte jetzt Tee genießen.

FAQ: Russische Teekultur

Was ist ein Samowar? Ein Samowar (russ.: „Selbstkocher") ist ein traditioneller russischer Metallkessel mit eingebauter Röhre zum Heizen (früher Holzkohle, heute meist Elektro), der Wasser konstant heiß hält. Auf dem Samowar sitzt die kleine Teekanne (Zavarka-Kanne) mit Tee-Konzentrat.

Was ist die Prikusk-Methode? Der Zucker wird nicht in den Tee gerührt, sondern zwischen die Zähne genommen (Stück Würfelzucker oder Klumpen), und der Tee wird durch den Zucker hindurch gesaugt. Diese Methode war typisch für einfache Verhältnisse, wo Zucker teuer war.

Welchen Tee trinken Russen bevorzugt? Schwarzer Tee aus Indien (Assam, Darjeeling) und Sri Lanka (Ceylon) dominiert. Russische Eigenproduktion aus Krasnodar am Schwarzen Meer existiert, deckt aber nur einen Bruchteil des Bedarfs.

Ist Tee in Russland kulturell wichtiger als Kaffee? Historisch ja – Tee hat in Russland tiefere Wurzeln als Kaffee. Peter der Große führte Kaffee ein, aber Tee blieb das Volksgetränk. Heute steigt Kaffeekonsum, aber Tee bleibt die Nummer 1.

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