Die mittelamerikanische und nördlich-südamerikanische Teekultur kennt eine Besonderheit: Hier entsteht Tee nicht aus Blättern, sondern aus Baumrinde. Bekanntestes Beispiel ist der Catuaba-Tee aus der Rinde des Catuaba-Baums, den der Stamm der Tupi seit Jahrhunderten zu Riten und Stammestreffen trinkt. Hier lesen Sie, wie der Rindentee schonend geerntet wird, wie man ihn zubereitet und welche Rolle Lapacho und Mate in der Region spielen.
Tee aus Rinde statt aus Blättern
Anders als fast überall sonst auf der Welt wird Catuaba-Tee nicht aus den Blättern einer Pflanze, sondern aus der Rinde eines Baumes gewonnen. Der Catuaba-Baum ist botanisch mit der Coca-Pflanze verwandt und wächst im subtropischen Regenwald im Norden Brasiliens sowie im Amazonasgebiet. Für den Aufguss werden etwa 10 bis 15 Zentimeter lange Streifen der inneren Rinde geschält.
Die Ernte erfolgt schonend: Es wird nur so viel Rinde entnommen, dass sich der Baum schnell erholt, und beim nächsten Mal eine andere Stelle gewählt. So bleibt der Baum unbeschädigt. Wer mehr über die südlicheren Trinkrituale erfahren möchte, findet im Beitrag zur südamerikanischen Teekultur den größeren Zusammenhang.
Der Catuaba-Baum und die Tupi
Seit Jahrhunderten trinken die Ureinwohner der Region, allen voran der Stamm der Tupi, Catuaba-Tee zu Stammestreffen und bei rituellen Anlässen. Geschätzt wird er für seinen Geschmack und seine anregende Wirkung. Die Tupi nennen den Baum "Avore Boa", also "guter Baum", was seinen hohen Stellenwert zeigt.
In Brasilien rankt sich eine bekannte Volksweisheit um den Tee, die seine belebende Bedeutung unterstreicht: "Wenn ein Mann bis zum 60. Lebensjahr ein Kind zeugt, war er es selbst, danach war es der Catuaba." Wegen seiner anregenden Note wird Catuaba in Brasilien gern auch in Erfrischungsgetränken verarbeitet.
Zubereitung des Catuaba-Tees
Die geschälten Rindenstreifen werden zerkleinert und anschließend in Wasser aufgekocht. Im Gegensatz zu Blatttees, die nur überbrüht werden, braucht die feste Rinde ein echtes Kochen, damit sich die Inhaltsstoffe lösen. Der fertige Aufguss lässt sich heiß genießen oder abgekühlt als erfrischendes Kaltgetränk trinken.
Traditionell wird kein Porzellan verwendet, sondern handgefertigte Ton- oder Holzgefäße, schlicht und auf Praktikabilität ausgelegt. Detaillierte Aufzeichnungen über den genauen Zeremonienablauf sind kaum öffentlich zugänglich, weil viele Stämme abgeschieden im Regenwald leben. Auch Lapacho-Tee wird in der Region aus Baumrinde gewonnen und ähnlich aufgebrüht.
Weitere Aufgüsse der Region
Neben Catuaba sind in Mittel- und Nordamerika weitere Aufgüsse verbreitet. Lapacho-Tee stammt ebenfalls von einer Baumrinde, dem Lapacho- oder Pau-d'Arco-Baum. Daneben wird viel Mate-Tee getrunken, der aus den Blättern des Mate-Strauchs gewonnen wird und in Argentinien, Paraguay und Brasilien Nationalgetränk ist.
Diese Vielfalt zeigt, dass die Teekultur der Region nicht auf eine einzige Pflanze festgelegt ist. Rindentees, Blatttees und kalte Erfrischungsgetränke bestehen nebeneinander, jeweils geprägt von den verfügbaren Pflanzen des Regenwalds.
Regenwaldschutz durch Nachfrage
Die wachsende Nachfrage nach Catuaba-Tee hat zwei willkommene Nebenwirkungen. Zum einen ist der Verkauf der Rinde für die Ureinwohner zu einer regelmäßigen Einnahmequelle mit nennenswerten Beträgen geworden. Zum anderen sind die Bäume durch diesen finanziellen Anreiz vor der Rodung geschützt, denn ein lebender, regelmäßig beernteter Baum bringt dauerhaft Erträge.
Bleibt der Catuaba-Tee gefragt, hilft das also, zumindest Teile des Regenwalds zu erhalten. Wer einen solchen Rindentee kauft, unterstützt damit indirekt die Tupi und den Schutz ihres Lebensraums.
Kultur zwischen Eroberung und Bewahrung
Mit der Eroberung des Kontinents veränderte sich das Leben der Ureinwohner grundlegend. Sie waren fremden Kulturen, neuen Besitzansprüchen und bislang unbekannten Krankheitserregern ausgesetzt, was die Bewahrung eigener Traditionen erschwerte. Einigen Gemeinschaften gelang es dennoch, sich dem fremden Einfluss weitgehend zu entziehen und ihre Geschichte lebendig zu halten.
Dass aus dem Regenwald heraus ein zuvor nur dort bekannter Tee wie Catuaba seinen Weg in die übrige Welt gefunden hat, ist eine bemerkenswerte Leistung. Sie verbindet kulturelle Bewahrung mit handfestem Nutzen, weil sie zugleich den Wald und die finanzielle Lage der Tupi stützt. Eine ganz andere Trinktradition beschreibt im Vergleich die russische Teekultur mit ihrem Samowar.
Häufige Fragen
Woraus wird Tee in Mittelamerika gewonnen?
Häufig nicht aus Blättern, sondern aus Baumrinde. Der bekannteste Vertreter ist Catuaba-Tee aus der Rinde des Catuaba-Baums, der im nördlichen Brasilien und im Amazonasgebiet wächst.
Wie wird Catuaba-Tee zubereitet?
Die geschälten Rindenstreifen werden zerkleinert und in Wasser aufgekocht, da sich die Inhaltsstoffe der festen Rinde nur durch Kochen lösen. Der Aufguss schmeckt heiß wie kalt.
Wer trinkt traditionell Catuaba-Tee?
Vor allem der Stamm der Tupi, der den Tee seit Jahrhunderten zu Stammestreffen und Ritualen trinkt. Die Tupi nennen den Catuaba-Baum "Avore Boa", den guten Baum.
Welche anderen Tees sind in der Region verbreitet?
Neben Catuaba werden Lapacho-Tee, ebenfalls aus Baumrinde, und Mate-Tee aus den Blättern des Mate-Strauchs getrunken. Damit bestehen Rinden- und Blatttees nebeneinander.
Schützt der Teehandel den Regenwald?
Indirekt ja. Die Rinde wird schonend geerntet, und lebende Bäume bringen dauerhaft Erträge. Dadurch lohnt sich ihr Erhalt mehr als die Rodung, was Teile des Waldes schützt.
Verwandte Artikel
Entdecken Sie weitere interessante Beiträge zu diesem Thema:
- Masala Chai - Sinnbild der Indischen Teekultur (Teekulturen)
- Koreanische Teekultur (Teekulturen)
- Russische Teekultur (Teekulturen)
- Türkische Teekultur (Teekulturen)
- Chinesische Teekultur (Teekulturen)
- Indien - Land des Tees (Teeländer)
- Tee aus dem Onlineshop - oder doch lieber vom Tee-Laden um die Ecke? (Wissenswertes)
- Frauenmanteltee (Kräutertee)
