Indien – Land des Tees


Verglichen mit China und Japan wirkt Indien immer noch ein bisschen, wie „die kleine dritte“. Tatsächlich wurde Tee in Indien erst im 19. Jahrhundert nach und nach zum Erfolg. Dafür aber umso nachhaltiger. Heute wären selbst bei uns die indischen Teesorten unmöglich wegzudenken. Vor allem die Liebhaber des schwarzen Tees, könnten ohne ihre Favoriten aus Indien noch nicht einmal ordentlich frühstücken.

Indien - Land des Tees

Dabei liegen die Wurzeln des Tees in Indien tiefer, als so manch einer denkt. Dennoch waren einige Zufälle in der Geschichte notwendig, damit Indien das Teeland wurde, das es heute ist.

Geschichte des Tees in Indien

Selbstverständlich gibt es auch in Indien eine Legende zur Entdeckung des Tees. Die indische Version ähnelt zwar in entscheidenden Punkten dem japanischen Mythos auffallend stark, es gibt aber auch einige Unterschiede. So war es in Indien kein Mönch, sondern ein Fakir, die Namen aber sind dann doch recht ähnlich. Dem japanischen Bodhidarma steht der indische Dharma gegenüber.

Der Fakir Dharma soll es, der indischen Sage nach, also gewesen sein, der den Tee entdeckte. Dharma hatte einen Eid abgelegt, sieben Jahre einzig und allein seinem buddhistischen Glauben zu widmen. Er wollte die ganze Zeit über meditieren und erst wieder schlafen, wenn die sieben Jahre vorbei waren.

darjeeling

Dharma machte sich auf den Weg nach China, wo der Buddhismus stark verwurzelt war und es damals bereits zahlreiche bedeutende spirituelle Stätten gab. Tagsüber wanderte der Fakir, abends und nachts meditierte er. Doch schon bald wurde er, verständlicher Weise, unendlich müde. Dharma war sehr enttäuscht darüber und befürchtete, sein Vorhaben nicht zu Ende zu bringen und damit sein Versprechen nicht halten zu können. Während er verzweifelt nach einer Lösung suchte, seine Müdigkeit zu bekämpfen, stachen ihm einige Sträucher am Wegesrand ins Auge. Das saftige Grün ihrer Blätter lockte ihn und so nahm er einige davon, drehte sie zwischen seinen Fingern und schließlich kaute er darauf.

Plötzlich fühlte sich Dharma wunderbar erfrischt, er war wieder wach und Herr seiner Sinne. So sammelte er von diesen Blättern so viel er nur konnte und achtete seitdem darauf, dass er immer ausreichend Tee bei sich hatte.

Indien als Traditionsland des Tees

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Und in dieser Legende könnte sogar mehr Wahres stecken, als man vermuten möchte. Es gibt historische chinesische Dokumente, die eine auf den ersten Blick recht ungeheuerliche Behauptung aufstellen: die Teepflanze soll nicht aus China stammen, sondern tatsächlich indischen Ursprungs sein. Bisherige Nachforschungen mussten allerdings zugeben, dass diese Schriften recht logische Schlüsse und Argumente liefern. Der Tee als Getränk ist und bleibt aber eine Erfindung der Chinesen. Wer weiß, vielleicht war es ja ein meditierender Fakir, der auf einer Reise durch China die Teepflanze aus seiner indischen Heimat als Gastgeschenk bei sich hatte.

Zweifelsfrei belegt ist zudem der Fund von wilden Teepflanzen im Staat Asam aus dem Jahre 1823. Doch bei der Identifizierung wurden lange Fehler gemacht. Aus welchen Gründen auch immer schien man schlichtweg nicht damit gerechnet zu haben, ausgerechnet in Indien wilden Tee zu finden. Bereits damals war China einfach die „Teeweltmacht“ schlechthin. Tee außerhalb Chinas schien fast ein Tabuthema zu sein.

Irgendwann jedoch wurde dieser Fehler nicht nur korrigiert, sondern um ein Vielfaches wieder gut gemacht. Ab 1834 wurden in Indien Teepflanzen gezielt gekreuzt, kultiviert und in den verschiedensten, klimatisch geeigneten Regionen des Landes zur Teeherstellung angebaut.

Zuvor war Indien eher für seinen Kaffee bekannt gewesen. Doch ein Jahr mit ungewöhnlich harten klimatischen Bedingungen vernichtete nicht nur fast die ganze Jahresproduktion, sondern zerstörte auch nahezu alles Kaffeepflanzen. Zudem suchten sie Engländer nach einem Weg, unabhängig von China an den in ihrer Heimat immer beliebter werdenden Tee zu kommen. Die East India Company hatte ihr Monopol in Sachen Teehandel verloren. Zwar litten auch die anderen Nationen unter den stets steigenden Preisforderungen der chinesischen Teehändler, allerdings waren die niederländischen und auch die deutschen Schiffe kleiner, wendiger und damit schneller als die britischen. Sie konnten deshalb ihre wertvolle Fracht schneller und somit insgesamt auch günstiger an ihr Ziel bringen. Wollten sich die Engländer nicht aus dem weltweiten Geschäft mit Tee drängen lassen, schien es die einzige Möglichkeit, in ihrer indischen Kolonie selbst Tee herzustellen. Günstiger hätten die Bedingungen für den Start Indiens als großes Teeland also gar nicht sein können. Die Unterstützung des großen britischen Empires war den Teebauern Indiens gewiss.

Teeanbaugebiete

Zu den bekanntesten Teeanbaugebieten Indiens gehört selbstverständlich auch die Region, in der bereits Jahre vor dem Startschuss für die Teeproduktion dieses Landes, wilde Teepflanzen entdeckt worden waren. Die chinesischen Teepflanzen, bis dahin die einzigen bekannten ihrer Art, sind eher strauchartig. Ihre indischen Verwandten dagegen können bis zu 20 Meter hoch werden, wohl mit einer der Hauptgründe, weshalb diese Pflanzen nicht sofort ganz eindeutig als Tee identifiziert wurden.

Teeanbau in Indien

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Inzwischen allerdings kann Assam im Nordosten Indiens die stolze Zahl von etwa 2000 Teeplantagen vorweisen. In 1000 Metern Höhe gibt es auf beiden Uferseiten des Brahmaputra-Stroms herrliche Hochebenen in tropischem Klima. Beste Voraussetzungen für einen kräftigen, würzigen Tee.

Die nächste Teeregion, die jedem unweigerlich sofort in den Sinn kommt, sobald man an Indien und Tee denkt, ist Darjeeling. Hier im Norden Indien befinden sich die Südhänge des berühmten Himalaya-Gebirges. Die Teegärten dort liegen mit rund 2000 Höhenmetern rund doppelt so hoch wie diejenigen in der Region Assam und liegen damit kurz vor der Vegetationsgrenze. Das Pflanzenwachstum ist hier stark verlangsamt, die Sonneneinstrahlung dagegen wesentlich intensiver. Das Ergebnis sind zwar recht gehaltvolle Tees, die allerdings ein sehr feines und blumiges Aroma haben. Tees aus Darjeeling sind so zart und schon von fast zerbrechlicher Qualität, dass sie ausschließlich per Hand gepflückt werden.

Noch etwas weiter nördlich von Darjeeling liegt die Provinz Sikkim. Der Tee, der von dort stammt, ist dem aus seiner berühmten Nachbarregion sehr ähnlich, schmeckt jedoch noch etwas kräftiger und genießt den Ruf mehr „Körper“ zu haben. Genau zwischen Darjeeling und Assam, bereits zu Füßen des großen Himalaya-Gebirges liegt dagegen die Provinz Dooars. Hier produzierter Tee ergibt in der Tasse einen angenehmen hellbraunen Ton und überzeugt durch seinen leicht würzigen, aromatischen Geschmack. Tee aus Sikkim und Dooars spielt in erster Linie eine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, den Eigenbedarf Indiens zu decken. War die Teeproduktion Indiens zunächst primär dafür gedacht, den größten Teil der Produktion zu exportieren, haben die Inder längst erkannt, welche Köstlichkeiten sie hier kreieren. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach Tee, vor allem nach indischem, vor allem auch im eigenen Lande steigt.

Zusätzlich gibt es mittlerweile auch einige Teeanbaugebiete im Südwesten des Landes. In den Nilgiri-Hills und in Travancore wächst Tee auf Plantagen mit den unterschiedlichsten Bedingungen. So reichen die Lagen von wenigen 200 Metern über dem Meeresspiegel bis hin zu mehr als 2500 Metern. Wohl auch wegen der geographischen Nähe zu Sri Lanka schmeck der Tee aus dieser Region Indien ähnlich spritzig und frisch, wie der „Ceylon-Tee“.

Bekannte Sorten aus Indien

Schwarzer Tee aus Indien ist ganz besonders bekannt. In den letzten Jahren gab es zwar auch bei uns beispielsweise grünen Darjeeling zu finden, bisher nimmt er jedoch immer noch die Rolle eines Nischenproduktes ein. Die bekanntesten Teesorten Indiens tragen den gleichen Namen wie ihre Anbauregionen, also Assam und Darjeeling. Da vor allem der Darjeeling von einer ganz besonders feinen Qualität ist, gibt es von ihm auch sogenannten First und Second Flush. Wie die Namensgebung bereits nahelegt, stammt der First Flush von Blättern, die bei der ersten Ernte des Jahres gepflückt wurden. In der Regel ist es bereits im März soweit. Bei uns findet man ihn auch unter dem Namen „Flugtee“.

Bekannte Teesorten aus Indien sind Assam und Darjeeling

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In dem Zeitraum von Mitte Mai bis Ende Juni werden die Blätter für den Second Flush geerntet. Er schmeckt wesentlich kräftiger als der First Flush was er bereits durch einen kräftigen orange-braunen Farbton in der Tasse beweist. Tee, der im April, also genau zwischen First und Second Flush geerntet wird, bezeichnet man als „In Between“ und je nachdem, wie ertragreich das Jahr ist, kann auch im Oktober, wenn der Monsun bereits wieder vorbei ist, nochmals geerntet werden. Dieser Tee trägt dann den stolzen Namen „Darjeeling Autumnal“. Die meisten anderen Tees aus Indien tragen dagegen wirklich schlicht und einfach nicht mehr als den Namen ihrer Herkunftsregion, also Assam, Nilgiri oder auch Nepal.

Beim Thema Teesorten aus Indien darf man aber keinesfalls den Earl Grey vergessen. Zwar ist dieser Schwarztee mit Bergamotten-Aroma eine „Erfindung“ der Briten, genauer gesagt des namensgebenden Earls of Grey, der Tee dazu stammt jedoch aus Indien. Und bis heute hat sich daran meist nichts geändert. Im Gegenteil, die Inder scheinen diese Teespezialität so perfektioniert zu haben, dass es wohl für jeden Teeliebhaber eine Earl Grey-Art gibt, die perfekt zu ihm passt. So gibt es neben dem klassischen schwarzen Earl Grey auch Versionen mit grünem Tee, es gibt Earl Grey aus Darjeeling-Tee, aus Teemischungen, mit natürlichem Bergamottöl, zusätzlich mit Zitronenaroma verfeinert,… Der Phantasie scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Tee im täglichen Leben

Selbstverständlich haben die Inder noch nie ihren Tee ausschließlich für die englischen Besatzer produziert. Sie fanden sogar ihren ganz eigenen Weg, ihren Tee zu genießen. Ganz im Gegensatz zu den Briten, die ihren Tee bekannter Maßen süß und mit einem Schuss Zitrone oder Milch bzw. sahne bevorzugen, wählten die Inder eine sehr viel würzigere Art. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der schwarze Tee wird zusammen mit einer Gewürzmischung aus Kardamom, Ingwer, Nelke, Zimt und Pfeffer aufgekocht. Zusammen mit Milch und jeder Menge Zucker erhält man so eine bezaubernde Mischung, die zur gleichen Zeit sehr scharf und dennoch wahnsinnig süß schmeckt. Chai Tee, oder Masalla Chai, wie er korrekter Weise genannt werden müsste, wärmt auf eine ganz angenehme Art und Weise, beruhigt und macht gleichzeitig wach. Jede Region Indiens, fast schon jede Familie, hat ihr eigenes Rezept, wie genau sie ihren Tee zubereiten. Er ist jedoch auch ganz ohne spezielle spirituelle Teezeremonie stets Mittelpunkt der Gastfreundschaft und soll die Wärme und Geborgenheit vermitteln, die man seinem Gast entgegenbringen möchte.

Wirtschaftsfaktor Tee

Indien produziert mit etwas mehr als einer Million Tonnen Tee jährlich zwar „nur“ etwa die Hälfte dessen, was in China hergestellt wird, ist damit aber nicht nur Nummer zwei der weltgrößten Teeländer, sondern gleichzeitig auch der zweitwichtigste Handelspartner für Deutschland, wenn es um den Teeimport bei uns geht. Genauer gesagt beziehen wir aus Indien nur geringfügig weniger Tee, als auch China. Zwar sind 1.000 Tonnen eine stolze Menge, insgesamt betrachtet ist der Unterschied zwischen gut 11.000 Tonnen aus China und knapp 10.000 Tonnen aus Indien nicht mehr sonderlich gravierend.

Tee als großer Wirtschaftsfaktor in Indien

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Bereits zu Beginn der Geschichte des Tee in unserem Land, spielte Tee aus Indien eine große Rolle. Wir kennen indischen Tee sprichwörtlich seit wir Tee kennen. Und selbst zu Zeiten, in denen grüner Tee ganz selbstverständlich auch hierzulande getrunken wird, in denen es Spezialitäten wie weißer Tee oder Oolong Tee auch bei uns zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht haben, ist eines unverändert geblieben. Die beliebteste Teeart, die am meisten bei uns konsumiert wird, ist nach wie vor der schwarze Tee und genau das ist die Teeart, die mit Indien verbunden ist, wie keine zweite.

Im Vergleich zu uns ist Indien mit Sicherheit ein armes Land, viele Menschen leben dort unter Bedingungen, die bei uns als unzumutbar gelten. Dennoch ist Indien kein Entwicklungsland, sondern zählt zu den sogenannten „Take off-Countries“, also zu jenen Ländern, die vielleicht sogar aus eigener Kraft in einigen Jahrzehnten die Zustände in ihrem Land deutlich verbessern können. Tee spielt dabei sicher eine große Rolle. Ohne den Tee hätte Indien erheblich weniger Einnahmen aus Exporten, ein ganzer Wirtschafszweig, der sich seit Jahren konstant im Aufwind befindet, würde wegfallen.

Fazit

Tee spielt also für Indien gleich mehrere bedeutende Rollen. Zum einen geht es um die Produktion für den Eigenbedarf, um Arbeitsplätze, aber eben auch um die Einnahme von Divisen und nicht zu Letzt das Ansehen bei den internationalen Staaten. Die Briten waren als Besatzer Indiens sicher nicht im ganzen Lande willkommen und wie jede Besatzungsmacht haben sie zweifelsfrei auch große Fehler gemacht. In punkto Tee allerdings hätten sie Indien keinen größeren Gefallen tun können. Durch das Bestreben der Briten und ihre Unterstützung hat Indien einen Wirtschaftsfaktor erhalten, dessen Rolle immer größer wird. Als Teeliebhaber mag man sich gar nicht ausmalen, wie die Welt wäre, gäbe es den Tee aus Indien nicht. Die „Klassiker“ aus Indien erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit und sogar der Chai Tee wird hierzulande immer bekannter und beliebter.

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Titelbildnachweis: Teeland Indien ©Thinkstock: iStock

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