Lu Yu gilt als der bedeutendste Teegelehrte Chinas: Sein dreibändiges Werk Cha Ching, das Buch vom Tee, wird bis heute gelesen. Doch einige Dokumente behaupten, der große Lu Yu sei kein gefeierter Dichter gewesen, sondern ein professioneller Zirkusclown. Verwechslung, Legende — oder beides wahr? Dieser Beitrag erzählt die erstaunliche Lebensgeschichte hinter dem berühmtesten Teebuch der Welt.

Die Behauptung: ein Clown als Teegelehrter?

Über den Dichter Lu Yu, der im China der Tang-Dynastie im 8. Jahrhundert lebte, und sein Werk Cha Ching — in manchen Quellen auch Tscha King geschrieben — ist viel überliefert. Umso verblüffender wirken Dokumente, die behaupten, dieser vielgeschätzte Gelehrte habe sein Geld einst als Zirkusclown verdient.

Kann das sein? Ist es eine Verwechslung mit einem anderen Lu Yu? Hat er seine Berufung verfehlt und sein Schreibtalent erst spät entdeckt? Auf die Frage, wie ein Clown eines der bedeutendsten Bücher über das Wesen des Tees schreiben konnte, scheint es viele mögliche Antworten zu geben — und die richtige ist besser belegt, als man vermuten würde.

Die wahre Geschichte: vom Waisenkind zum Gelehrten

Lu Yu wurde als Kind von einem buddhistischen Mönch adoptiert. Der Adoptivvater wollte, dass auch der Junge Mönch wird — doch Lu Yu lehnte das asketische Leben ab. Zur Strafe musste er ausschließlich niedere Arbeiten verrichten. Die harte Arbeit und die Demütigung hielt er nicht lange aus: Er lief davon und heuerte bei einem Zirkus an, tatsächlich als Clown. Dieser Teil der Geschichte ist historisch belegt.

Mit 14 Jahren wurde der Regierungsbeamte Li Qiwu auf den Jungen aufmerksam. Er traute ihm mehr zu als ein Leben in der Manege, öffnete ihm seine Bibliothek und stellte ihm einen Lehrer zur Seite. Li Qiwu behielt Recht: Lu Yu wurde ein geschätzter Dichter — und schrieb mit dem Cha Ching einen Klassiker, der bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Mehr zum Werk selbst lesen Sie im Beitrag über Cha Ching, das Buch vom Tee.

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Was im Buch vom Tee steht

Was schreibt Lu Yu eigentlich? Zum einen empfiehlt er blaues Teegeschirr. Blau gilt in der Farbenlehre als entspannende, meditative Farbe, die für Harmonie, Ruhe und Unendlichkeit steht — genau die Ziele, die schon die buddhistischen Mönche mit dem Teetrinken verbanden und um die es vielen bei ihrer täglichen Teestunde bis heute geht. Mit diesem Rat war Lu Yu seiner Zeit also weit voraus.

Berühmt ist auch seine Liste der richtigen Momente für eine Tasse Tee: "wenn es leise regnet", "wenn die Kinder in der Schule sind", "im Bambushain am Frühlingsabend", "bei Vollmond" oder "mit netten Freunden und schönen Liebchen". Auffällig ist das Muster: Tee empfiehlt er immer dann, wenn man zur Ruhe kommen, die Natur bewusst erleben oder gute Gesellschaft genießen kann. Wie konsequent sich dieser Gedanke weiterspinnen lässt, zeigen die 24 Teezeiten des Herrn Xu.

Historische Einordnung: Tee in der Tang-Zeit

Das Cha Ching entstand im 8. Jahrhundert, als Tee in China vom Mönchsgetränk zum Kulturgut aufstieg. Lu Yus dreibändiges Werk systematisierte erstmals alles Wissen seiner Zeit — von Anbau und Werkzeugen über die Wasserwahl bis zur richtigen Gemütsverfassung beim Trinken — und machte aus der Alltagshandlung eine Kunst. Wie der Tee zu dieser Stellung im Reich der Mitte kam, beschreibt unser Artikel Wie der Tee in China seine Bedeutung erlangte.

Dass ausgerechnet ein ehemaliger Zirkusclown diese Rolle übernahm, passt zur Durchlässigkeit der Tang-Gesellschaft: Bildung und Förderer konnten Herkunft überwinden. Ohne den Beamten Li Qiwu, der das Potenzial des Jungen erkannte, gäbe es das berühmteste Teebuch der Welt vermutlich nicht.

Was die Geschichte über Vorurteile lehrt

Vielen geht es beim ersten Hören ähnlich: Einem gewöhnlichen Zirkusclown traut man nicht unbedingt zu, ein philosophisches Werk über Tee zu verfassen — erst recht keines, das nach mehr als zwölf Jahrhunderten noch aktuell ist. Erfährt man dann, dass Lu Yu wirklich beides war, Clown und Gelehrter, ist man erstaunt — und ein wenig beschämt über das eigene Klischee-Denken, das Clowns nur Quatsch und Albernheiten zutraut.

Liegt die Zeitlosigkeit des Cha Ching nun am weitsichtigen Dichter oder doch zu Teilen am Tee selbst? Wohl an beidem. Heiterkeit und Tiefe schließen sich jedenfalls nicht aus — eine Erkenntnis, die auch andere Erzählungen der Teekultur tragen, etwa die Geschichte vom Professor und dem Zen-Mönch.

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Lu Yus Rat für heute

Kaum jemand hat hierzulande einen Bambushain im Garten — eine Terrasse oder einen Balkon für die frische Frühlingsluft aber schon. Wer sich an Lu Yus Liste hält, also bewusst Momente der Ruhe, der Natur und der guten Gesellschaft für seinen Tee wählt, erlebt auch in der modernen, hektischen Zeit unvergleichlich schöne Teemomente.

Genau darin liegt die Pointe dieser Geschichte: Das Buch eines einstigen Clowns lehrt uns bis heute, das Teetrinken nicht nebenbei zu erledigen, sondern als kleine, wiederkehrende Auszeit zu gestalten — mit dem passenden Geschirr, dem richtigen Moment und gern mit einem Lächeln.

Häufige Fragen

War Lu Yu wirklich ein Zirkusclown?
Ja, das ist historisch belegt. Nach der Flucht vor seinem Adoptivvater, einem buddhistischen Mönch, verdiente der junge Lu Yu seinen Lebensunterhalt als Clown bei einem Zirkus, bevor der Beamte Li Qiwu ihn förderte.

Was ist das Cha Ching?
Das Cha Ching (auch Tscha King), das Buch vom Tee, ist Lu Yus dreibändiger Klassiker aus dem 8. Jahrhundert — das erste umfassende Werk über Anbau, Zubereitung und Geist des Tees. Es wird bis heute gelesen.

Warum empfahl Lu Yu blaues Teegeschirr?
Blau gilt als meditative Farbe für Harmonie und Ruhe — Ziele, die seit den buddhistischen Mönchen mit dem Teetrinken verbunden sind. Der Rat passt damit erstaunlich gut zu moderner Farbpsychologie.

Wann soll man nach Lu Yu Tee trinken?
In Momenten der Ruhe und Naturnähe: wenn es leise regnet, bei Vollmond, am Frühlingsabend, wenn die Kinder in der Schule sind — oder in netter Gesellschaft. Das Muster: bewusster Genuss statt Nebenbei-Trinken.

Wer förderte Lu Yu?
Der Regierungsbeamte Li Qiwu wurde auf den 14-jährigen Zirkusclown aufmerksam, öffnete ihm seine Bibliothek und stellte ihm einen Lehrer — die Grundlage für Lu Yus Aufstieg zum Gelehrten.

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André Schulze · Herausgeber Tee-Magazin.de

André Schulze betreibt das Tee-Magazin seit 2011 und verkostet, fotografiert und beschreibt Teesorten aus aller Welt. Jeder Beitrag wird redaktionell geprüft und regelmäßig aktualisiert — zuletzt am 11. Juni 2026.