Drachengift aus China — so nannte Friedrich der Große den Tee, als er am 20. Mai 1777 ein generelles Teeverbot erließ. Ausgerechnet der Preußenkönig, der den Deutschen die Kartoffel brachte, hielt das Getränk für ungesund, wenn nicht gar schädlich. Die Geschichte erzählt von einer mutmaßlichen Intrige der Bierbrauer und vom zähen Widerstand der Ostfriesen, die ihren Tee nicht hergeben wollten.
Wie der Tee zu den Ostfriesen kam
Der erste Tee erreichte Deutschland erst im 17. Jahrhundert — zu einer Zeit, als er in seiner Heimat China längst seit Jahrhunderten zum Alltag gehörte. Dank der Nachbarschaft zu Holland, damals führende Teehandelsnation, kamen die Ostfriesen als erste Bevölkerungsgruppe mit dem neuen Getränk in Berührung; wie der Handel über die Grachten lief, beschreibt unser Beitrag zur niederländischen Teekultur.
Die Ostfriesen fanden nicht nur schnell Gefallen am Tee, sie entwickelten auch eine eigene Trinkweise — unter anderem mit der Erkenntnis, dass ein ordentlicher Schuss Rum dem Aufguss durchaus zuträglich ist. Bis zu drei feste Teetieden, also Teezeiten, gliederten bald den Tag, und um sie herum entstanden eigene Sitten und Bräuche.
Das Teeverbot vom 20. Mai 1777
Rund hundert Jahre nach der Ankunft des Tees griff die Obrigkeit durch: Am 20. Mai 1777 erließ Friedrich der Große ein generelles Teeverbot. Der Alte Fritz, sonst als aufgeschlossener Reformer bekannt, bezeichnete den Tee als Drachengift aus China und zeigte sich überzeugt, das Getränk sei mindestens ungesund, womöglich sogar schädlich.
Das Verbot traf vor allem Ostfriesland, wo der Teegenuss längst fest verwurzelt war. Was folgte, war ein erbitterter Streit zwischen dem Monarchen und seinen nördlichsten Untertanen, der volle zwei Jahre dauern sollte.
Die Spur führt zu den Bierbrauern
Schon bald nach Inkrafttreten des Verbots kamen einige Ritter einer Verschwörung auf die Spur. Die Bierbrauer fürchteten die Konkurrenz des neuen Getränks — wo drei Teezeiten den Tag füllten, blieb wenig Platz fürs Bier. Sie streuten Gerüchte, der Teegenuss sei schädlich und aus China würden vergiftete Blätter unbekannter Pflanzen über das Meer verschifft, angeblich sogar mit Wissen des Königs.
Die Ritterschaft wollte ihre Ehre wahren, statt Teil eines solchen Komplotts zu sein. Sie verbündete sich mit den Ostfriesen und stärkte ihnen im Kampf um das inzwischen geliebte Getränk den Rücken — eine ungewöhnliche Allianz aus Adel und Teetrinkern gegen Krone und Braugewerbe.
Zwei Jahre Widerstand und das Einlenken des Königs
Die Ostfriesen dachten gar nicht daran, ihre Teetieden aufzugeben. Die festen täglichen Teezeiten samt Kluntje, Sahnewölkchen und strenger Tassenfolge waren ihnen so selbstverständlich geworden, dass sie eher in die Niederlande ausgewandert wären, als dauerhaft zu verzichten. Genau diese Drohung stand nach zwei Jahren Tauziehen im Raum.
Friedrich der Große sah schließlich ein, dass der Teegenuss viel zu tief in der ostfriesischen Kultur verwurzelt war, um sich per Dekret entfernen zu lassen — zumal ihm die ostfriesischen Fischer wichtiger waren, als Recht zu behalten. Das Verbot fiel, der Tee blieb. Wie ungefähr zur selben Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks um Tee gestritten wurde, zeigt die Geschichte der Boston Tea Party von 1773.
Legende oder Wahrheit?
Das Teeverbot Friedrichs des Großen ist historischer Fakt. Ob der König selbst an einer Intrige beteiligt war oder schlicht den Schauergeschichten existenzbedrohter Bierbrauer aufsaß, lässt sich dagegen kaum noch klären — wie so oft bei lange mündlich überlieferten Begebenheiten dürften sich Wahrheit und Ausschmückung vermischt haben.
Pikant ist die Parallele zur Kartoffel: Dort bewies der Preußenkönig Weitblick und überzeugte sein skeptisches Volk mit einer List vom Nutzen der neuen Frucht. Beim Tee lief es genau umgekehrt — diesmal misstraute der Herrscher dem Neuen, und das Volk behielt recht. Die Angst vor Fremdem traf damals viele Genussmittel; auch Kaffee und Tabak wurden anfangs ähnlich beargwöhnt.
Was vom Drachengift geblieben ist
Heute ist Tee in Deutschland gleich nach Wasser eines der wichtigsten Getränke, und kaum jemand weiß noch, dass er einmal als Gift verschrien war. In Ostfriesland trinkt man pro Kopf mehr Tee als irgendwo sonst in Deutschland, und die ostfriesische Teekultur mit ihrer Teetied wurde 2016 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Der kräftige Schwarztee-Verschnitt, der dort in die Tasse kommt, hat sogar einen eigenen Namen: Wie die Ostfriesenmischung aus Assam-Tees komponiert wird, lesen Sie in unserem Sortenporträt. So endet die Geschichte vom Drachengift versöhnlich — mit dem Sieg derer, die einfach weitergetrunken haben.
Häufige Fragen
Wer nannte den Tee Drachengift aus China?
Friedrich der Große. Der Preußenkönig erließ am 20. Mai 1777 ein generelles Teeverbot und hielt das Getränk für mindestens ungesund, wenn nicht sogar schädlich.
Warum verbot Friedrich der Große den Tee?
Offiziell aus Gesundheitsgründen. Der Überlieferung nach steckten jedoch Bierbrauer dahinter, die ihre Existenz bedroht sahen und Gerüchte über vergiftete Blätter aus China streuten.
Wie lange galt das Teeverbot von 1777?
Rund zwei Jahre. Nach zähem Widerstand der Ostfriesen, die sogar mit Auswanderung in die Niederlande drohten, lenkte der König ein und das Verbot fiel.
Warum tranken ausgerechnet die Ostfriesen so früh Tee?
Wegen der Nachbarschaft zu Holland, der damals führenden Teehandelsnation. Über diesen Handelsweg erreichte der Tee Ostfriesland im 17. Jahrhundert vor dem Rest Deutschlands.
Was sind Teetieden?
Die festen täglichen Teezeiten der Ostfriesen, bis zu drei am Tag. Sie gehören zur ostfriesischen Teezeremonie, die 2016 als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde.
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