Fazit
Tee trinken ist Ruhe und Genuss, gleichsam einer Meditation leert man in Gedanken versunken, völlig in sich gekehrt Schluck für Schluck die allnachmittägliche Tasse Tee. Diese Vorstellung ist sicher schön und einige schaffen es in der Alltagshektik vielleicht tatsächlich, sich bewusst solche Inseln zu schaffen. Aber warum sollten alle anderen keinen Tee trinken? Vielleicht trinken viele der "typischen" Kaffeetrinker nur deshalb keinen Tee, weil sie zu wenig darüber wissen und denken, Tee trinken sei stets mit großem, vor allem zeitlichem Aufwand verbunden. Wenn diese neuen Konzepte, die der Vermarktung von Kaffee entsprechen, nun aber genau diese Kaffeetrinker dazu bringen, wenigstens einmal Tee zu probieren, ist doch eigentlich nichts dagegen einzuwenden, oder? Bildnachweis: Tee ©Thinkstock: iStockphotoSpecialty Tea vs. Specialty Coffee: Parallelen in der Zubereitung
Die Parallelen zwischen der Third-Wave-Coffee-Bewegung und der aufkommenden Specialty-Tea-Bewegung sind frappant. In beiden Bereichen: Transparente Herkunft (Garten, Region, Erntejahr vs. Farm, Region, Erntejahr), sensorische Bewertung (Cupping bei Kaffee, Tasting bei Tee), handwerkliche Aufmerksamkeit auf jeden Zubereitungsschritt. Die Pour-Over-Methode beim Kaffee hat ihre Entsprechung in der Gongfu-Cha-Methode beim Tee: Kleine Portionen, kontrolliertes Übergießen, multiple Aufgüsse. Für Kaffee-Enthusiasten, die Tee entdecken: Beginnen Sie mit Darjeeling First Flush (ähnlich leicht und floral wie Äthiopischer Natural-Kaffee) oder mit einem Taiwan-High-Mountain-Oolong (ähnlich komplex wie ein guter Gesha-Kaffee). Die gleiche Bereitschaft zur Präzision und Qualitätswertschätzung macht Kaffeefans häufig zu Teeenthusiasten.
Warum Tee der neue Kaffee ist – und warum nicht
Die These „Tee ist der neue Kaffee" hat substanzielle Unterstützung: Specialty-Tea-Umsätze wachsen jährlich um 5–8% in westlichen Märkten. Teecafés nach dem Third-Wave-Kaffee-Modell eröffnen in Berlin, London, New York und Tokyo. Instagram hat Matcha-Lattes und Oolong-Cold-Brews zu Hunderttausenden von Posts. Tee-Direkthandel (Direct-to-Consumer von Teegärten) boomt ähnlich wie Specialty Coffee. Aber: Tee wird Kaffee nicht ersetzen. Der kulturelle Habitus des Morgenkaffees ist in westlichen Kulturen tief verwurzelt. Tee ergänzt: als Alternative für Koffein-Empfindliche, als Nachmittagsgetränk, als Genusskategorie für Entdecker. Die eigentliche These lautet: Tee entwickelt eine ähnliche Kultur der Wertschätzung und Expertise wie Specialty Coffee – und das ist eine Bereicherung, kein Verdrängungswettbewerb.
Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel ueber Jiaogulan Tee. Einen ausfuehrlichen Ueberblick bietet unser Beitrag zu chinesische Teekultur. Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeber zu Mate Tee.
Geschichte: Wie Kaffee und Tee ihren Status tauschten
Im 17.–18. Jahrhundert war Tee das Prestige-Heißgetränk Europas, Kaffee die preisgünstigere Alternative. In England kostete eine Tasse Tee im Kaffeehaus (ja, Tee wurde in Kaffeehäusern verkauft!) anfangs mehr als Kaffee. Mit der Industrialisierung kehrte sich das um: Billiger Tee aus Indien und Ceylon und der Siegeszug des Teebeutels demokratisierten Tee, während Espresso und dann Specialty Coffee zum Premiumgetränk aufstieg. Die aktuelle Entwicklung des Specialty Tea ist gewissermaßen eine Rückkehr zu den Wurzeln: Tee als Prestigegetränk mit Wissen, Herkunftstransparenz und handwerklicher Sorgfalt. Diese zyklische Geschichte zeigt, dass die Hierarchie zwischen Tee und Kaffee eine kulturelle Konstruktion ist, keine natürliche Ordnung.
FAQ: Tee als der neue Kaffee
Welcher Tee ist am besten als Kaffee-Ersatz? Für die morgendliche Energie: Matcha oder Gyokuro (höchster L-Theanin + Koffein Anteil, langer Energiebogen ohne Crash). Für Milchkaffee-Liebhaber: Masala Chai Latte oder Matcha Latte. Für Espresso-Fans: Gongfu Oolong (konzentriert, komplex, warm).
Gibt es Tee-Baristas? Ja, zunehmend. In Japan (Matcha-Cafés), Taiwan (Teecafés) und in westlichen Specialty-Tea-Bars gibt es spezialisierte Teezubereiter. International wächst die Tea-Master-Ausbildung.
Kann man Tee mit Milch aufschäumen wie Kaffee? Ja, Matcha und Hojicha lassen sich hervorragend mit aufgeschäumter Milch kombinieren. Auch Rooibos-Latte und Chai-Latte sind beliebte Milchtee-Varianten in Cafés.
Warum wächst das Interesse an Specialty Tea? Mehrere Faktoren: wachsendes Gesundheitsbewusstsein (Tee als gesündere Kaffee-Alternative), Globalisierung und Interesse an asiatischer Kultur, Social Media (Matcha ist Instagram-tauglich), und das allgemeine Trend zu Handwerk und Herkunftstransparenz.
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