Japan und sein Tee


Sollen wir typische Gerichte und Getränke aus Japan nennen, dann fallen den meisten von uns wohl als erstes Sushi und Grüner Tee oder auch Jasmintee ein. Sicher, die Geschichte des Tees in Japan ist bei Weitem noch nicht so alt, wie die Chinas. Und auch bei der traditionellen Teezeremonie wird schnell klar, dass die Japaner ihre großen Nachbarn hier mehr oder weniger bis heute kopieren. Dennoch ist Tee aus Japan ebenso wenig wegzudenken, wie Sushi. Er ist auch hier bereits seit Jahrhunderten fest im alltäglichen Leben verankert und das hat gute und berechtigte Gründe.

Japan und sein Tee

Geschichte des Tees in Japan

Die japanische Legende zur Entdeckung des Tees unterscheidet sich nicht nur erheblich von der chinesischen, sie ist auch um einiges brutaler und stellenweise regelrecht blutig und brutal. Der Überlieferung nach ließ sich ein buddhistischer Mönch namens Bodhidarma auf einem Felsen nieder um zu meditieren. Doch irgendwann begann er müde zu werden. Er wurde sogar so schläfrig, dass ihm immer wieder die Augen zufielen. Bodhidarma war jedoch noch lange nicht am Ende seiner Meditation. Er wurde so wütend darüber, dass er sich nicht länger wach halten konnte, dass er sich zornig die eigenen Augenlider ausriss und vor sich auf den Boden warf. Nun war er zwar verstümmelt, die Schmerzen nahm er aber in seiner tiefen Meditation nicht wahr und so konnten ihm wenigstens die Augen nicht mehr zufallen.

Bodhidarma war sehr überrascht, als er am nächsten Morgen feststellte, dass an der Stelle, an der seine Augenlider gelegen hatten, ein Teestrauch gewachsen war. Der eifrige Mönch nahm ein paar der Blätter, übergoss sie mit heißem Wasser und bereitete so, jedenfalls der Legende nach, den ersten Tee der Geschichte. Mit großer Begeisterung stellte er fest, dass dieser Tee seinen Geist und Körper auf angenehme Art und Weise wach hielt. Schnell war dieses neue Getränk nun auch bei anderen Mönchen äußerst beliebt. Ganz besonders, wenn sie vorhatten über Stunden zu meditieren.

Im Vergleich zur chinesischen Ursprungsgeschichte des Tees ist die Hauptperson in der japanischen Legende also kein gottähnlicher oder gar gottgleicher Kaiser, sondern ein ganz normaler und realer Mensch. Der Teil mit den abgerissenen Augenlidern gehört sicher in das Reich der Mythen, dennoch aber könnte es durchaus vorstellbar sein, dass der Mönch im Laufe seiner Mediation schläfrig wurde und aus welchen Gründen auch immer, Tee probiert und die anregende Wirkung bemerkt hat. Zumindest kann man sich in unserer heutigen Welt diese Version eher vorstellen, als dass jemandem bei einem Spaziergang im Garten zufällig ein paar Blätter in eine Tasse mit Wasser gefallen sind.

Tatsächlich gibt es historische Dokumente, die belegen, dass es wirklich buddhistische Mönchen waren, die eine maßgebliche Rolle dabei spielten, dass der Tee nach Japan kam. Zu Beginn der Geschichte des Tees war es üblich, dass Mönche nicht nur viel meditierten, sondern auch viel umherwanderten. Dabei spielten auch Landesgrenzen keine Rolle. Eine dieser Gruppen hatte in China den Tee kennen gelernt und brachte diesen nun auch nach Japan mit. So war Tee zunächst auch immer sehr stark mit dem buddhistischen Glauben verbunden und eine ganze Weile wurde Tee wirklich auch ausschließlich von Mönchen getrunken. Seinen Platz in der „normalen“ Bevölkerung fand er erst später.

Teeanbaugebiete

Teeanbau

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Das japanische Kaiserreich besteht aus insgesamt 47 Provinzen. Für den Teeanbau am bedeutendsten sind Shizuoka, Kagoshima und Mie. Shizuoka ist westlich von Tokio lokalisiert. Östlich grenzt diese Provinz direkt an den Pazifik, im Westen liegt der berühmte Mount Fuji in etwa auf der Grenzlinie. Mit 40% der gesamten japanischen Teeproduktion ist Shizuoka zweifelsfrei die wichtigste Teeregion in Japan.
Im Süden der Insel Kyushu gelegen, findet man Kagoshima, mit 20% die Nummer 2 der japanischen Teeprovinzen. Die letzte der Top 3, die Provinz Mie, findet man direkt im Zentrum des Kaiserreichs. In Mie mag zwar anteilsmäßig nicht so viel Tee produziert werden, es handelt sich dabei allerdings um diejenige Provinz Japans, mit der längsten Tradition in Sachen Teeanbau und –herstellung.

Die Städte Nara und Kyoto waren in früheren Zeiten einmal Hauptstädte. Bis heute gelten sie als Ursprungsregionen des Buddhismus. Da diese Mönche nachweislich die ersten waren, die Tee tranken, ist es auch naheliegend, dass dort auch der Teeanbau eine Rolle spielte und zum Teil bis heute spielt.

Neben Kagoshima sind auch noch weitere südliche Regionen der Insel Kyushu von Bedeutung. Das Klima ist dort auffallend mild und schafft damit beste Ausgangsbedingungen für gute Teequalität. So mag Japan vielleicht Mengenmäßig nicht so viel zum weltweiten Teemarkt beitragen können, die Qualität jedoch muss den Vergleich mit den hochwertigsten Sorten keinesfalls scheuen.

Bekannte Sorten aus Japan

Grüner Tee ist wohl der klassische japanische Tee schlechthin. Fast scheint es so, als hätte sich Japan ganz bewusst auf Grünen Tee spezialisiert. Abgesehen davon, dass es kaum andere Teearten aus Japan gibt, bei einem Grüntee made in Japan kann man davon ausgehen, dass man qualitativ hochwertige Ware bekommt.

Der wohl bekannteste seiner Art ist der Sencha, was übersetzt ganz einfach „Grüner Tee“ bedeutet. Er ist ein solider Tee von guter Qualität, der sich perfekt als Alltagstee eignet. Je hochwertiger er ist, desto mehr erinnern seine Blätter an Tannennadeln. In der Tasse glänzt er in intensivem, schimmernden Grün.

Bancha, ebenfalls ein leicht bekömmlicher Tee, der in Japan ganz selbstverständlich zum Alltag dazu gehört, ist da schon etwas grobblättriger als der Sencha. Zudem besteht er nicht ausschließlich aus Blättern, auch Stängel werden hier mit verarbeitet. Beim Aufguss fällt dies beispielsweise durch eine leichte Braunfärbung auf.

grüner Tee

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Makinohara stammt vom gleichnamigen Berg. Es handelt sich dabei um eine Mischung mehrere Senchas aus dieser Region. Dieser Tee wird gerne zu den Alltagstees gezählt, ist allerdings schon deutlich hochwertiger, als die bekannteren Sencha und Bancha.

Der Houjicha überrascht auf den ersten Blick und wer raten müsste, würde wohl nicht auf die Idee kommen, diesen Tee bei den Japanern einzuordnen. Äußerlich und geschmacklich erinnert er stark an einen chinesischen Oolong Tee. Tatsächlich ist Houjicha nichts weiter als ein gerösteter Bancha.

Genmaicha stellt eine weitere Besonderheit dar. Dieser Tee wird aus mittelfeinen Senchas gemischt, die zusätzlich mit Reis, manchmal auch Puffreis vermengt werden. Klar, dass der Geschmack dieser Teespezialität stark an Popcorn erinnert. Die Japaner mögen die Genmaicha vor allem deswegen, weil er auch appetitanregend wirkt.

Kokeicha besteht aus zermahlenen Sencha-Blättern, die mit Reismehl vermengt und zu stäbchen gepresst werden. So kann der Tee praktisch gelagert werden, die benötigte Menge wird einfach abgeschnitten oder abgebrochen.

Hinter dem Namen Makoto versteckt sich ebenfalls ein Sencha. Er zeichnet sich durch eine besonders große Geschmacksfülle aus. Yamato wiederum ist dem Makinohara sehr ähnlich. Fukuyu statt dessen besteht aus mittelgroßen Blättern und ist dank seines fruchtigen Dufts ein sehr beliebter Frühstückstee in Japan. Tamaryokucha zählt ebenfalls zu den Senchas. Er stammt von der Insel Kyushu und schimmert herrliche smaragdgrün.

Kukicha ist ein sogenannter „Stängel-Blatt-Tee“, d. h. dass hier die noch verholzten Stängel der Sprossachse der Teeblätter mit verarbeitet werden. Dadurch bekommt der Tee nicht nur eine besonders intensive dunkelgrüne Färbung, man muss auch aufpassen, dass er sehr schnell eintrübt und vor allem sehr leicht bitter wird. Länger als 10 Sekunden sollte er keinesfalls ziehen.

Gabalong ist ein vergleichsweise junger Tee. Sein spezielles Herstellungsverfahren wurde von Wissenschaftlern erst in den 1960ern entwickelt. Die Japaner haben eine ganz besondere Vorliebe für frischen Geschmack. Man begann irgendwann zu überlegen, wie man den Geschmack frischer Blätter auch im Tee am besten konservieren könnte. Schließlich kam man auf die Idee, die Sencha-Blätter nach der Verarbeitung noch kurz in flüssigen Stickstoff zu tauchen. Das Ergebnis: zart olivgrüner, aromatischer Teegenuss.

Gyokuro und Kabuse sind die berühmte Schatten- bzw. Halbschattentees. Sie enthalten dank eines aufwändigen Beschattungsverfahrens der Blätter einige Wochen vor der Ernte keine oder nur noch wenige der Bitterstoffe. Diese Teespezialitäten eignen sich deshalb bestens für alle, die Grünen Tee bisher wegen seines bitteren Geschmacks eher gemieden haben.

Tee im täglichen Leben

In Japan wird Grüner Tee so getrunken, wie bei uns Wasser. Er ist stets allgegenwärtig. Tee kann man überall unterwegs bereits trinkfertig kaufen und in den Restaurants kann es durchaus vorkommen, dass man zu seinem Gericht gleich ganz automatisch den passenden Tee serviert bekommt.

Fast als Kontrast dazu steht bis heute die traditionelle Teezeremonie.

Tee im alltäglichen Leben

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Dieses Ritual rund um Tee, Gesellschaft, Meditation und „zu- sich- selbst-finden“ wird bei heute noch so häufig und in solch einer Form abgehalten, wie sonst kaum in einem zweiten Land. Die vier Prinzipen des Teewegs, Wa (Harmonie), Kei (Respekt), Sei (Reinheit) und Jaku (Ruhe) stehen immer noch unverändert im Mittelpunkt. Eine Teezeremonie besucht man nicht, um mit seinen Freunden einen netten kleinen Plausch abzuhalten. Bei solch einem Ritual geht es immer noch primär darum, seinen Geist mit Hilfe des Tees auf eine höhere Ebene zu heben.

Allerdings muss man heute nicht mehr darauf warten, bis man von einem großen Meister dazu eingeladen wird. Man muss auch nicht mehr hoffen, dass die eigene Bitte teilnehmen zu dürfen, angenommen wird. Es gibt immer noch zahlreiche Teehäuser in ganz Japan. Dort werden die Teezeremonien ganz bewusst in schlichter Umgebung abgehalten. Wer möchte, nimmt teil. Und wer die Gelegenheit geboten bekommt, sollte sie unbedingt annehmen. Allerdings nicht, ohne sich vorher genauestens mit dem Ablauf vertraut gemacht zu haben.

Wirtschaftsfaktor Tee

Japan ist ein vergleichsweise kleines Land. Ist besteht aus mehreren Inseln, ist folglich vom Meer eingeschlossen und hat somit kaum Möglichkeiten, bei Platzmangel auf einen anderen Teil des Landes auszuweichen. Zudem ist Japan relativ dicht besiedelt. Es werden also nicht nur jede Mengen Wohnflächen benötigt, man braucht auch Infrastruktur, ausreichend Platz für Industrie und nicht zuletzt eben auch noch landwirtschaftliche Nutzflächen.

Das ist wohl der Hauptgrund dafür, weshalb es in Japan bis heute eigentlich ausnahmslos Kleinbauern gibt. Das gilt auch für die Teeproduktion. Da überrascht es fast schon wieder, das Japan mit einer Jahresproduktion von etwa 100.000 Tonnen auf Platz 10 der weltweit größten Teeproduzenten landet.

Da die Japaner aber selbst so viel Teetrinken und ihre Teebauern zudem nicht in großen Verbänden organisiert sind, wird lediglich 1 % der Produktion eines Jahres ins Ausland exportiert. Zusätzlich wiederum müssen die Japaner gut 50.000 Tonnen Tee importieren um überhaupt ihren Eigenbedarf decken zu können.

Für uns bedeutet das in erster Linie, dass Tee aus Japan eine absolute Besonderheit ist. Gleichzeitig steht diese Herkunft bei Tee immer auch für höchste Qualität, absolute Reinheit und ein einzigartiges Geschmackserlebnis. Findet man also einen Tee in den Regalen mit der Aufschrift „aus Japan“, sollte man unbedingt zugreifen.

Fazit

Wer einmal in Japan war und gesehen hat, welch eine Vielfalt an verschiedensten Grünen Tees es dort gibt, der wird wohl nur noch schwer nachvollziehen können, wie man bei uns in den Supermärkten Packungen mit Teebeuteln und der Aufschrift „Grüner Tee“ verkaufen kann. Grüner Tee ist auch in Japan alles. Und dennoch wird man nur schwer auch nur zwei Sorten finden, die gleich schmecken. Dank Herkunft, Produktion, evtl. Mischung und nicht zuletzt auch Zubereitung schmeckt jeder Grüne Tee etwas anders. Bei dem riesigen Angebot an Grünen Tees, die es in Japan gibt, dürfte wohl keinem Japaner die Information „Das ist Grüner Tee.“ Genügen, um sich zu entscheiden, welchen Tee er beispielsweise nun zum Frühstück wählen möchte.

Wer dagegen hierzulande einmal die Gelegenheit bekommt, sich einen Grünen Tee aus Japan zuzubereiten, der sollte unbedingt beachten, dass japanische Tees nicht nur eine hohe Qualität besitzen, sondern auch äußerst empfindlich sind. Das Wasser etwa sollte bei einigen davon beim Aufguss maximal 60 Grad betragen. Relativ kalt also, verglichen mit den sonst üblichen Temperaturen. Den ersten Aufguss sollte man auch nur etwa 20 Sekunden ziehen lassen. Als Faustregel gilt dann weiterhin pro zusätzlichem Aufguss die Zeit verdoppeln. Beim zweiten also 40 Sekunden, beim dritten 80 usw. Mehr als drei Aufgüsse sollte man einem japanischen Tee allerdings auch nicht zumuten.

Auch, wenn die Japaner ihre Tees ganz selbstverständlich im Alltag trinken, so wie wir unser Wasser, bei uns sind diese Tees doch immer eine absolute Seltenheit und Spezialität. Es käme also fast einem Frevel gleich, wenn wir auch bei uns, egal welchen japanischen Grüntee auch immer, nebenbei und fast unbedacht trinken würden. Vielmehr sollten wir uns für den Tee ganz bewusst Zeit nehmen und beim Trinken eher an eine Teezeremonie denken, als an überfüllt japanische U-Bahnen, in denen hunderte aneinander gedrängt auf dem Weg zur Arbeit ihren Tea to go trinken.

 

Bildnachweis Titelbild: Japan und sein Tee ©Thinkstock: iStockphoto

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