Der ORAC-Wert soll messen, wie gut ein Lebensmittel freie Radikale abfängt. Tee erreicht dabei oft beeindruckende Zahlen. Doch was steckt hinter dem Kürzel, wie wird es gemessen, und warum sind Fachleute skeptisch? Dieser Beitrag erklärt die Labormessgröße sachlich und ordnet ein, warum ein hoher Laborwert noch nichts über die Wirkung im Körper aussagt.

Was der ORAC-Wert ist

ORAC steht für Oxygen Radical Absorbance Capacity, also die Sauerstoffradikal-Absorptionskapazität. Der Wert beziffert, wie viele Sauerstoffradikale ein Lebensmittel im Labortest abfangen oder neutralisieren kann. Gemessen wird er in einem standardisierten chemischen Reagenzglas-Verfahren; das Ergebnis wird üblicherweise in µmol Trolox-Äquivalent pro 100 g angegeben.

Je höher der ORAC-Wert, desto mehr Radikale konnte eine Probe unter Laborbedingungen binden. Der Wert ist damit zunächst eine reine Labormessgröße. Befürworter schätzten zudem, dass sich mit dem Verfahren abschätzen lässt, wie schnell und wie lange einzelne Antioxidantien-Gruppen reagieren. Wie Tee überhaupt zu seinen wirksamen Pflanzenstoffen kommt, zeigt unser Beitrag Die sechs echten Tee-Arten.

Freie Radikale und Antioxidantien

Freie Radikale sind reaktionsfreudige Teilchen, die im Körper entstehen, etwa als Nebenprodukt des Stoffwechsels oder durch äußere Einflüsse. Ausgerechnet der lebensnotwendige Sauerstoff verwandelt sich dabei manchmal in ein aggressives Teilchen. In zu großer Menge können solche Radikale Zellstrukturen angreifen.

Der Körper verfügt über eigene Schutzsysteme, um sie in Schach zu halten. Antioxidantien aus der Nahrung werden oft als Helfer in diesem Gleichgewicht beschrieben. Tee enthält von Natur aus sekundäre Pflanzenstoffe, vor allem Polyphenole, die im Labor eine antioxidative Wirkung zeigen. Welche Inhaltsstoffe das im Einzelnen sind, ordnet unser Beitrag Milch im Tee ein.

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Warum Tee hohe ORAC-Werte hat

Wegen seines hohen Gehalts an Polyphenolen weisen viele Tees vergleichsweise hohe ORAC-Werte auf. Besonders Matcha, bei dem das ganze Blatt aufgenommen wird, sowie kräftige grüne Tees schneiden in solchen Tabellen hoch ab. Das klingt zunächst beeindruckend.

Doch ein hoher Laborwert sagt noch nichts darüber aus, was tatsächlich im menschlichen Körper geschieht. Die Aufnahme, Verstoffwechselung und Wirkung von Pflanzenstoffen ist hochkomplex; nicht jeder im Reagenzglas aktive Stoff entfaltet im Organismus denselben Effekt. Wie unterschiedlich Tees in ihrer Zusammensetzung sind, zeigt der Vergleich mit Matcha.

Das Problem mit der Übertragbarkeit

Der entscheidende Haken: Ein Test im Reagenzglas lässt sich nicht einfach auf den lebenden Körper übertragen. Was im Labor abläuft, muss im Organismus nicht genauso geschehen. Zudem ist der direkte Vergleich verschiedener Lebensmittel schwierig, denn es macht einen großen Unterschied, ob eine Probe frisch, gefroren oder als Konzentrat vorliegt.

Man kann daher nicht ohne Weiteres sagen, Lebensmittel A sei besser als Lebensmittel B, nur weil sein ORAC höher liegt. Genau dieser Vergleich wäre für Verbraucher aber von Interesse. Ein hoher ORAC-Wert bedeutet also nicht automatisch einen gesundheitlichen Nutzen. Wie heikel solche Zahlen in der Gesundheitskommunikation sind, zeigt auch der Faktencheck zum Benalu-Tee.

Warum Fachleute kritisch sind

Aus diesen Gründen stehen viele Fachleute dem ORAC-Wert skeptisch gegenüber. Das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) zog 2012 seine viel zitierte ORAC-Datenbank für Lebensmittel zurück, weil der Wert für Aussagen über die menschliche Gesundheit ungeeignet sei und in der Vermarktung missbraucht werde.

Die Kritik lautet, der ORAC-Wert habe den falschen Eindruck erweckt, ein hoher Laborwert sei gleichbedeutend mit hohem gesundheitlichem Nutzen. In der Lebensmittel- und Teewerbung wurden hohe Zahlen gern als Verkaufsargument genutzt. Solche Versprechen vereinfachen einen komplexen Zusammenhang und können in die Irre führen. Wie man Gesundheitsschlagzeilen rund um Tee einordnet, zeigt unser Beitrag Tee als Schlaganfall-Prophylaxe.

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Zahlen kritisch einordnen

Der Fall ORAC zeigt, wie wichtig es ist, scheinbar wissenschaftliche Zahlen zu hinterfragen. Nicht jede beeindruckende Messgröße hat eine praktische Bedeutung für den Alltag. Für die Auswahl eines Tees ist der Geschmack der verlässlichere Maßstab, denn nur was schmeckt, wird langfristig und gern getrunken.

Wer möchte, kann sich nach den ORAC-Werten seiner Lieblingssorten erkundigen, sollte einen Tee aber nicht allein danach auswählen. Der ORAC bleibt im besten Fall ein Zusatzhinweis, kein Gesundheitssiegel. Tee ist ein Genussmittel und kein Medikament; bei gesundheitlichen Fragen ist ärztlicher Rat gefragt, nicht der Blick auf ORAC-Tabellen.

Häufige Fragen

Was ist der ORAC-Wert?
ORAC steht für Oxygen Radical Absorbance Capacity. Der Wert misst im Labor, wie viele Sauerstoffradikale ein Lebensmittel im Reagenzglas binden kann. Er wird meist in Trolox-Äquivalenten pro 100 g angegeben.

Bedeutet ein hoher ORAC-Wert, dass ein Tee gesünder ist?
Nein. Ein Laborwert lässt sich nicht direkt auf den lebenden Körper übertragen. Aufnahme und Verstoffwechselung der Pflanzenstoffe sind komplex, sodass ein hoher ORAC-Wert keinen gesundheitlichen Nutzen garantiert.

Warum sind Fachleute beim ORAC-Wert skeptisch?
Weil der Wert nichts darüber aussagt, was im Körper geschieht, und für Werbung missbraucht wurde. Das US-Landwirtschaftsministerium zog 2012 seine ORAC-Datenbank für Lebensmittel zurück.

Warum haben Tees hohe ORAC-Werte?
Tee enthält viele Polyphenole, die im Labor antioxidativ wirken. Besonders Matcha und kräftige grüne Tees erreichen in ORAC-Tabellen hohe Zahlen, da hier teils das ganze Blatt aufgenommen wird.

Worauf sollte ich bei der Teeauswahl stattdessen achten?
Vor allem auf Geschmack, Frische und Qualität. Nur ein Tee, der wirklich schmeckt, wird langfristig gern getrunken. Der ORAC-Wert ist allenfalls ein Zusatzhinweis.

Gesundheitlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und dem Genuss von Tee. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht den Rat einer Ärztin oder eines Arztes. Bei gesundheitlichen Beschwerden, in der Schwangerschaft, bei der Einnahme von Medikamenten oder vor der Anwendung von Heilkräutern halten Sie bitte ärztliche Rücksprache.

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André Schulze · Herausgeber Tee-Magazin.de

André Schulze betreibt das Tee-Magazin seit 2011 und verkostet, fotografiert und beschreibt Teesorten aus aller Welt. Jeder Beitrag wird redaktionell geprüft und regelmäßig aktualisiert — zuletzt am 11. Juni 2026.