Die kaiserliche Pflückung


Den Kaisern des alten Chinas stand stets etwas ganz Besonderes zu. Das ist naheliegend und beschränkt sich nicht nur auf die Heimat des Tees. Für die Kleider der Kaiser wurden die feinsten Stoffe verwendet, sie wohnten in den prunkvollsten Palästen und selbstverständlich aßen und tranken sie die schmackhaftesten Speisen. So gab es auch einige Teesorten, die als ganz besonders hochwertige Spezialitäten galten. Tees von solch hoher Qualität waren ausschließlich dem Kaiser und seiner Familie, bestenfalls noch den Angehörigen des Hochadels, vorenthalten.

Die kaiserliche Pflückung

Doch damit nicht genug. Es gab sogar Vorschriften, die selbst die Ernte der Teeblätter ganz genau und streng regelten. Nur die noch verschlossenen Blattknospen und das oberste, zarte Blatt direkt im Anschluss durften gepflückte werden. Aber damit noch lange nicht genug. Die chinesischen Kaiser bestanden darauf, dass ausschließlich Jungfrauen die Ernte durchführten. Sie mussten bei dieser Arbeit weiße Handschuhe tragen und durften die Knospen auch nicht pflücken. Das Reglement schrieb vor, dass die zarten Blattknospen mit goldenen Scheren abgeschnitten und dann sorgsam in die Sammelbehälter gelegt werden mussten. Einige Quellen sprechen sogar von goldenen Körben.

Tees, die so geerntet wurden, wurden grundsätzlich zu Weißen Tees verarbeitet. Jeder Tee, der für den kaiserlichen Hof bestimmt war, war stets eine Besonderheit und nur ein streng begrenzter Personenkreis hatte Zugang zu ihm. Doch der Weiße Tee, der von den Jungfrauen mit ihren Handschuhen und goldenen Scheren geerntet wurde, war ausschließlich und ohne jegliche Ausnahme einzig und allein für den Kaiser höchstpersönlich bestimmt. Nicht einmal die kaiserliche Familie durfte davon trinken.

Legende oder Wahrheit

Im ersten Moment klingt das alles aus heutiger Sicht recht „abgehoben“. Zwar sind gewisse Allüren und überzogene Ansprüche auch aktuell von einigen Stars und Diven bekannt, aber solche Ausmaße nehmen selbst deren Forderungen nicht ein. Die Vorstellung, dass eine Heerschar von Jungfrauen mit weißen Handschuhen von Sonnenaufgang bis -untergang mit goldenen Scheren die zarten Blattknospen von den Teesträuchern schneiden, damit später aus ihnen ein wertvoller Tee allein für den Kaiser hergestellt werden kann, kommt wohl mindestens aus einer anderen Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Etwas näher betrachtet, macht zumindest ein Teil dieser Vorschriften durchaus Sinn. Die Blattknospen sind schließlich äußerst empfindlich und selbst die kleinste Druckstelle würde die Qualität des späteren Tees enorm reduzieren. Die weißen Handschuhe und das Abschneiden der Knospen sind wesentlich schonender, als die zarten Blattgebilde mit den Fingern direkt zu fassen und fest anzupacken, dass man sie pflücken kann. In den historischen Quellen wird dieses Prozedere allerdings damit begründet, dass niemand den Tee des Kaisers anfassen sollte.

Befasst man sich näher mit der Geschichte des alten Chinas, der Geschichte des Tees und auch mit dem damaligen Leben am kaiserlichen Hof, dann kann man sich schnell vorstellen, dass diese Berichte den Tatsachen entsprechen könnten. Prunk wurde sehr groß geschrieben und vor allem, wenn es um den Status des Kaisers und dessen Einzigartigkeit ging, waren die Regeln streng und eigen.

Fazit

Der Prunk ist verschwunden, doch ein Teil dieser alten Vorschriften ist geblieben. Zwar wird wohl kein Teehersteller auf die Jungfräulichkeit seiner Mitarbeiterinnen bestehen, doch auch heute noch werden die Blattknospen, beispielsweise für den Yin Zhen, einem sehr wertvollen und hochwertigen weißen Tee, vorsichtig mit Scheren abgeschnitten. Diese werden nicht mehr unbedingt aus Gold sein, ebenso wie die Körbe, aber das Abschneiden ist für die empfindlichen, zarten Knospen so viel schonender, dass es auch heute noch keine Alternative dazu gibt, sofern man einen wirklich einzigartigen Tee mit absoluter Spitzenqualität haben möchte.

Ebenfalls ein Relikt aus dieser alten Zeit ist die Tatsache, dass Weiße Tees nur an zwei Tagen im Jahr geerntet werden. Diese Tage werden vorher festgelegt. Sollten die Witterungsbedingungen an diesen Tagen für die Tee-Ernte nicht geeignet sein, dann wird diese nicht einfach verschoben. Sie fällt komplett aus. Erst ein Jahr später gibt es dann wieder, sofern das Wetter diesmal mitspielt, frischen Weißen Tee. Den Teeherstellern ist die Qualität wichtiger, als der Profit.

Diesen Aufwand sollte man sich beim Genuss solch eines Tees durchaus vor Augen fühlen. Gerne kann man sich dabei auch als etwas ganz besonderes fühlen. Auf jeden Fall sollte man sich bewusst sein, dass man gerade eben keinen beliebigen Alltagstee trinkt. Ein Weißer Tee, von Beginn an mit der größten Sorgfalt produziert, sollte auf keinen Fall nebenbei getrunken werden. Er hat die volle Aufmerksamkeit verdient.

 

 

Bildnachweis: traditionelles Teegeschirr ©Thinkstock: Hemera

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