Legende oder Wahrheit
Im ersten Moment klingt das alles aus heutiger Sicht recht "abgehoben". Zwar sind gewisse Allüren und überzogene Ansprüche auch aktuell von einigen Stars und Diven bekannt, aber solche Ausmaße nehmen selbst deren Forderungen nicht ein. Die Vorstellung, dass eine Heerschar von Jungfrauen mit weißen Handschuhen von Sonnenaufgang bis -untergang mit goldenen Scheren die zarten Blattknospen von den Teesträuchern schneiden, damit später aus ihnen ein wertvoller Tee allein für den Kaiser hergestellt werden kann, kommt wohl mindestens aus einer anderen Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Etwas näher betrachtet, macht zumindest ein Teil dieser Vorschriften durchaus Sinn. Die Blattknospen sind schließlich äußerst empfindlich und selbst die kleinste Druckstelle würde die Qualität des späteren Tees enorm reduzieren. Die weißen Handschuhe und das Abschneiden der Knospen sind wesentlich schonender, als die zarten Blattgebilde mit den Fingern direkt zu fassen und fest anzupacken, dass man sie pflücken kann. In den historischen Quellen wird dieses Prozedere allerdings damit begründet, dass niemand den Tee des Kaisers anfassen sollte. Befasst man sich näher mit der Geschichte des alten Chinas, der Geschichte des Tees und auch mit dem damaligen Leben am kaiserlichen Hof, dann kann man sich schnell vorstellen, dass diese Berichte den Tatsachen entsprechen könnten. Prunk wurde sehr groß geschrieben und vor allem, wenn es um den Status des Kaisers und dessen Einzigartigkeit ging, waren die Regeln streng und eigen.Fazit
Der Prunk ist verschwunden, doch ein Teil dieser alten Vorschriften ist geblieben. Zwar wird wohl kein Teehersteller auf die Jungfräulichkeit seiner Mitarbeiterinnen bestehen, doch auch heute noch werden die Blattknospen, beispielsweise für den Yin Zhen, einem sehr wertvollen und hochwertigen weißen Tee, vorsichtig mit Scheren abgeschnitten. Diese werden nicht mehr unbedingt aus Gold sein, ebenso wie die Körbe, aber das Abschneiden ist für die empfindlichen, zarten Knospen so viel schonender, dass es auch heute noch keine Alternative dazu gibt, sofern man einen wirklich einzigartigen Tee mit absoluter Spitzenqualität haben möchte. Ebenfalls ein Relikt aus dieser alten Zeit ist die Tatsache, dass Weiße Tees nur an zwei Tagen im Jahr geerntet werden. Diese Tage werden vorher festgelegt. Sollten die Witterungsbedingungen an diesen Tagen für die Tee-Ernte nicht geeignet sein, dann wird diese nicht einfach verschoben. Sie fällt komplett aus. Erst ein Jahr später gibt es dann wieder, sofern das Wetter diesmal mitspielt, frischen Weißen Tee. Den Teeherstellern ist die Qualität wichtiger, als der Profit. Diesen Aufwand sollte man sich beim Genuss solch eines Tees durchaus vor Augen fühlen. Gerne kann man sich dabei auch als etwas ganz besonderes fühlen. Auf jeden Fall sollte man sich bewusst sein, dass man gerade eben keinen beliebigen Alltagstee trinkt. Ein Weißer Tee, von Beginn an mit der größten Sorgfalt produziert, sollte auf keinen Fall nebenbei getrunken werden. Er hat die volle Aufmerksamkeit verdient. Bildnachweis: traditionelles Teegeschirr©Thinkstock: HemeraDie kaiserliche Teeernte: Ritual und Geschichte
In der chinesischen Kaiserzeit war die Teeernte ein Staatsakt. Besonders in der Tang- und Song-Dynastie gab es kaiserliche Teegärten (Gong Cha, 贡茶 – Tributkarte-Tee), deren Produktion ausschließlich dem Hof vorbehalten war. Die erste Ernte jedes Jahres wurde von Beamten überwacht; die Bauern durften den kaiserlichen Tee nicht selbst trinken. Longjing-Tee hat seine berühmten „18 kaiserlichen Teepflanzen" bei Hangzhou, die Kaiser Qianlong im 18. Jahrhundert persönlich weihen ließ. Diese Pflanzen werden noch heute mit besonderer Sorgfalt gepflückt – die erste Pflückung eines neuen Jahres vor dem Qingming-Festival ist ein feierliches Ereignis, das mit Zeremonien begangen wird.
Die Kunst der Teepflückung
Die Qualität eines Tees beginnt mit der Pflückung. Hochwertige Tees werden ausschließlich von Hand gepflückt, was nicht nur schonender ist, sondern auch die Auswahl des richtigen Materials ermöglicht. Die feinste Pflückung ist die „Ein-Knospe-Ein-Blatt" (yī yá yī yè) oder sogar „Nur Knospe" (yā tóu) – verwendet für Yin Zhen (Silbernadel-Weißtee) oder Fine Gyokuro. Die Art der Pflückung bestimmt das Verhältnis von jungen, aktiven Blattgeweben (reich an Koffein, Catechinen und Aminosäuren) zu älteren Blättern (mehr Cellulose, weniger Aromen). Erfahrene Pflückerinnen (es sind überwiegend Frauen, da ihre Finger feiner sind) entwickeln über Jahre ein sicheres Gespür für die optimale Erntereife. In Japan werden für Gyokuro und Matcha die Teepflanzen vor der Ernte wochen- oder monatelang beschattet, was den L-Theaningehalt dramatisch erhöht.
Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel ueber chinesische Teekultur. Einen ausfuehrlichen Ueberblick bietet unser Beitrag zu Yan Cha Felsentee. Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeber zu Jiaogulan Tee.
Kaiserliche Tees heute: Mythos und Markt
Der Begriff „kaiserlicher Tee" wird heute oft als Marketingbegriff verwendet, aber er hat eine historische Substanz. Echter „Huang Ya" (Gelber Knospen-Tee), echter Pre-Qingming Longjing oder echter Yin Zhen aus Fuding sind tatsächlich Tees, die historisch für den Kaiserhof reserviert waren. In der Moderne werden diese Tees auf Auktionen gehandelt – ein Kilogramm Pre-Qingming Longjing aus den 18 kaiserlichen Pflanzen kann Hunderttausende Renminbi kosten. Solche Spitzenpreise sind meist symbolisch und werden von Firmen als Prestige-PR gezahlt. Der alltägliche Teetrinker muss nicht kaiserlich trinken – aber die Geschichte hinter einem guten Tee macht jede Tasse etwas kaiserlicher.
Häufig gestellte Fragen zur kaiserlichen Teeernte
Was ist Gong Cha?
Gong Cha (贡茶) bezeichnet Tribute-Tee, der jährlich an den Kaiserhof geliefert wurde. Die Herstellung war streng reguliert und galt als höchste Auszeichnung für eine Teeregion.
Was bedeutet Pre-Qingming bei Tee?
Ernte vor dem chinesischen Qingming-Festival (ca. 5. April). Die erste Frühlingserntevor dem Qingming gilt als die feinste und teuerste des Jahres.
Werden kaiserliche Tees noch heute produziert?
Die historischen kaiserlichen Teegärten existieren noch (z.B. in Hangzhou). Ihre Produkte werden als Premiumtees vermarktet, sind aber nicht mehr dem Hof vorbehalten.
Warum werden Tees hauptsächlich von Frauen gepflückt?
Traditionell und praktisch: feinere Fingerfertigkeiten, Geduld, kulturelle Tradition. In vielen Teeregionen ist Teepflücken Frauenarbeit seit Jahrhunderten.
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